Offenbacher Anthologie (23)

THOMAS  MANN
CARLA, ICH UND HEINRICH

Die Schwester fein, der Bruder stolz
und ich in ihrer Mitten
so wie der Stuhl von anderm Holz
ein Knab’ von andern Sitten.

Zur Linken lächelt Carla schier
von Argwohn unbenommen.
In meine Quere wird sie mir
nicht können und nicht kommen.

Dem Arsch zur Rechten gönne ich
noch manche hohe Hürde.
Denn fiele er, gewönne ich
an Größe wie an Würde!

Das schmale lyrische Oeuvre Thomas Manns galt als gehoben, katalogisiert und abgeheftet. Kaum ein Dutzend Gedichte hatte der junge Autor verfaßt und diesen Ausflug schnell beendet, zu epigonenhaft erschienen wohl ihm selbst die zwischen Storm- und Heine-Adaption wechselnden meist hölzernen Verse, die keineswegs vermögen, was Mannsche Prosa vermag: epochale Weltentwürfe zu erschaffen mit einer Noblesse und Elégance, die ihresgleichen suchen. Um so sensationeller diese 2006 gemachte Entdeckung von Thomas Manns erstem Gedicht, verfaßt im Frühjahr 1883: Nicht nur reicht es gleichfalls kaum an „Zauberberg“ und „Butt“ heran, nein, es zeigt den späteren Nobelpreisträger und global gefeaturten Ironiker in der Larve eines achtjährigen Sauschwengels und Geschwisterbashers, daß es einem in der Seele graust, hey ho. Graust, hüpft und frohlockt! Hurra! möchte man schreien, so ein frühgeschliffener Sack und Kacker war der! Schlimm.
HANS MENTZ