Offenbacher Anthologie (20)

BARTOSZ WALESA
ABENDPRIESTER

 
Wenn ich dem erdachten Knabenchor
Selig lausche und des Vaters fromme
Lehren laut verkünde, ei dann komme
Ich mir wahrhaft wie Sein Priester vor.

Wenn ich mich so wie Sein Priester kleide
Und das Wasser wandle in den “Wein”,
Hör’ ich Seine Stimme: “Bartosz, fein!
Wir sind echt ein Superteam, wir beide.”

 

Was ist Wahnsinn? Verzweifeltes Verlassen der Bahn, Widerstand gegen unerträgliche Wirklichkeit. Was Identität? Laut neuerer Forschung nicht psychischer Normalfall, sondern Glücksfall kohärenten Seelenlebens, gebunden an die Kurzepoche bürgerlicher Emanzipation. Die aktuelle Zerfallsform von Identität heißt Borderline und bedeutet Menschen, deren Ich sich konturiert einzig in halluzinativer Adaption je Anderer. Noch Günter Wallraf vermochte das Bedürfnis einem Ich zu integrieren; Bartosz Walesa, Wahlbruder des legendären Solidarnosc-Führers, scheint weiter. All sein Geld nutzt der Maschinenbauer, um seine Danziger Zweizimmerwohnung in eine barocke Kathedrale zu verwandeln mit Portal, Beichtstuhl, Orgelschiff et.al., und die Hälfte seiner freien Zeit feiert er nun Messen vor selbstgebauten Holzpuppen, die “Wir bitten dich, erhöre uns” sagen können. Die andere Hälfte wähnt er sich Trainer des AC Milan; dann sieht und hört man ihn auf Danziger Suburb-Bolzplätzen einsam seine Verse rufen: “Mailand vor! / Noch ein Tor! Verlieren tut weh / olé, olé, olé!” Wer das banane findet, der werfe den ersten Stein.         
ROGER WILLEMSEN