Humorkritik | August 2017

August 2017

Die Erhabenheit ist einfach bekömmlicher, wenn man ihr eine Prise Quatsch beimischt.
Hermann Schlösser

Witoldenburg

Es gibt die »opera seria« und die »opera buffa«, zu deutsch: die ernste und die komische Oper. Der Unterschied: In der ernsten Oper treten vor allem Götter, Halbgötter und Hochadlige auf und die Geschichte geht oft letal aus. In der komischen Oper sind auch Bürgerliche und Dienstpersonal zugelassen, am Ende wird geheiratet. In der komischsten Oper, die ich seit langem gesehen habe, agieren Hochadlige, und die Geschichte nimmt ein böses Ende. Kein Wunder: »Yvonne, Princesse de Bourgogne« basiert nämlich auf einem Theaterstück von Witold Gombrowicz, das dieser Mitte der dreißiger Jahre offenbar ohne Rücksicht auf rechte Logik ausgedacht und mit links aufgeschrieben hat.

An irgendeinem Hof taucht zu irgendeiner Zeit ein neues Gesicht auf. Es ist noch nichtssagender als die dort üblichen Visagen: Yvonne. Aus dem wenigen, was die Schweigsame von sich gibt, geht klar hervor, daß sie eine selten taube Nuß ist. Prinz Philippe verlobt sich prompt mit ihr und wird ihrer bald so überdrüssig wie der restliche Hof. Gemeinsam bringen sie Yvonne dann um die Ecke. Und zwar auf teuflischste Art: Sie servieren ihr einen Barsch, so grätenreich, daß Yvonne den Erstickungstod sterben muß, nicht ohne zuvor nach dem Bestattungsunternehmer gerufen zu haben. Sodann singen die Überlebenden ein kurzes »Lacrimosa«; Vorhang.

Zugegeben: Das klingt nach Groteske – ist aber, unterstützt von der zitatfreudigen Musik, eher eine Parodie darauf. Derlei gibt es selten. Melodramatisch gesungen, wird die Absicht, Sinn zu verweigern, ohne ausdrücklich Unsinn zu produzieren, diskret verschleiert. Opern schrammen ja ohnehin meist nur knapp an der Grenze zur Lächerlichkeit entlang; Luc Bondy und Marie-Louise Bischofberger als Librettisten haben sie gemeinsam mit dem Komponisten Philippe Boesmans mutig überschritten. Gelohnt wurde es ihnen nicht, jedenfalls nicht in Oldenburg, wo im März die deutsche Erstaufführung stattfand. Ein knappes Vierteljahr danach war das Staatstheater nicht mal zu einem Sechstel gefüllt, und gelacht hat auch keiner – außer dem alten Gombrowiczverehrer und Opernfreund Hans Mentz, versteht sich.

  

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Los, los, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD)!

In einer ersten Reaktion auf das berüchtigte Sylt-Gesangsvideo sagten Sie: »Wer Nazi-Parolen wie ›Deutschland den Deutschen – Ausländer raus‹ grölt, ist eine Schande für Deutschland.«

Da es für uns alle aber nichts Wichtigeres gibt, als Schande von Deutschland fernzuhalten, sollten Sie unbedingt versuchen, mit diesen im Grunde netten jungen Leuten ins Gespräch zu kommen, damit sie zusammen mit Ihrer Regierung und der oppositionellen CDU demokratische Parolen grölen wie: »Die Integrationsfähigkeit des Landes darf nicht weiter überstrapaziert werden!«

Bitte keinesfalls zögern und zaudern, sondern sofort in die Tat umsetzen, damit den echten, den bösen Nazis endlich das Wasser abgegraben wird!

Rät ganz tief unten aus der Mitte der Gesellschaft: Titanic

 Ciao, Gigi D’Agostino!

Ciao, Gigi D’Agostino!

Auf die Frage, ob Sie sich erklären könnten, warum die Rechten auf Sylt gerade Ihr Lied »L’amour toujours« ausgewählt hatten, antworteten Sie: »Keiner von ihnen wird meinen Song jemals ernsthaft gehört haben.«

Das stimmt, D’Agostino, aber liegt das nicht einfach daran, dass vermutlich kein Mensch jemals ganz bedacht, feierlich und seriös »L’amour toujours« gehört hat?

Fragt sich ernsthaft

Ihre Titanic

 Du, »FAZ«,

betitelst in Deinem Wirtschaftsteil einen Artikel über bezahlbaren Wohnraum mit »Eine neue Waffe gegen Wohnungsnot«. Aber ist es volkswirtschaftlich überhaupt sinnvoll, überzählige Mieter/innen zu erschießen?

Ist da noch nicht ganz entsichert: Titanic

 Du, Mey & Edlich,

preist ein sommerlich überteuertes Leinenhemd mit den Worten an: »Stellt bei Hitze keine Fragen.« Und bei Kälte? Wispert es da herbstlich aus der Achsel: »Könnte mal bitte jemand das Fenster schließen?« oder »Warum macht die Knopfleiste nicht einfach ihren Job, die faule Sau?« Wäre für uns das ganze Jahr ein Kaufargument!

Deine Modeflüster/innen von der Titanic

 Aha, Daniel Brühl …

»Am Ende jedes Drehtags stand ich in meinem Apartment unter der Dusche und habe wahrscheinlich ein ganz trauriges Bild abgegeben. Meine Haare waren ja getönt, und die dunkle Farbe lief mir jedes Mal übers Gesicht, wie bei einer Midlife-Crisis …« So berichteten Sie der Zeit von Ihren Erfahrungen während des Drehs der Serie »Becoming Karl Lagerfeld«.

Na, das ist ja nun wirklich typisch Midlife-Crisis, dass einem während jeder Dusche dunkle Farbe über das Gesicht läuft! Haben Sie auch andere charakteristische Symptome bemerkt wie die plötzliche Fähigkeit, mit Toten zu kommunizieren, einen Heißhunger auf Kinderseelen und das rötliche Verfärben Ihrer Pupillen? Dann handelt es sich um einen ganz normalen Verlauf!

Weiß Ihre Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Beim Marktstand mit dem schlechten Verkäufer

»Entschuldigung, dürfte ich die zwei Gurken da hinten links haben und drei kleine Äpfel?«

»Nein!«

Laura Brinkmann

 Ratschlag

Nach dem Essen, vor dem Paaren
niemals deinen Leib enthaaren!
Lieber schön beim Lakenfleddern
ineinander tief verheddern,
richtiggehend geil verstricken,
durch das Buschwerk nicht mehr blicken
und nach sieben langen Nächten
sorgsam auseinanderflechten.

Ella Carina Werner

 Morning Routine

Obst zum Frühstück ermöglicht einen gesunden Start in den Tag, aber wer keine Lust hat, sich schon morgens in die Küche zu stellen und Früchte zu schnippeln, dem empfehle ich stattdessen Snoozies.

Loreen Bauer

 Ungelogen

Allen, die nicht gut lügen können, aber mal einen freien Tag brauchen, sei folgendes Vorgehen empfohlen: Morgens beim Arbeitgeber anrufen und sich krankmelden mit der absolut wahrheitsgemäßen Begründung: »Ich habe Schwindelgefühle.«

Steffen Brück

 Klare Empfehlung

Dank der Paarberatung gelang es uns, unsere Beziehung gemeinsam sanft und behutsam in die Tonne zu legen anstatt zu kloppen.

Leo Riegel

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
03.08.2024 Kassel, Caricatura-Galerie Miriam Wurster: »Schrei mich bitte nicht so an!«
04.08.2024 Frankfurt/M., Museum für Komische Kunst Die Dünen der Dänen – Das Neueste von Hans Traxler
04.08.2024 Frankfurt/M., Museum für Komische Kunst »F. W. Bernstein – Postkarten vom ICH«
09.08.2024 Bremen, Logbuch Miriam Wurster