Humorkritik | Dezember 2015

Dezember 2015

»Was ist schließlich ein Papst, ein Präsident oder ein Generalsekretär anderes als jemand, der sich für einen Papst oder einen Generalsekretär oder genauer: für die Kirche, den Staat, die Partei oder die Nation hält? Das einzige, was ihn von der Figur in der Komödie oder vom Größenwahnsinnigen unterscheidet, ist, daß man ihn im allgemeinen ernst nimmt und ihm damit das Recht auf diese Art von ›legitimem Schwindel‹, wie Austin sagt, zuerkennt. Glauben Sie mir, die Welt so betrachtet, d.h. so wie sie ist, ist ziemlich komisch. Aber man hat ja oft gesagt, daß das Komische und das Tragische sich berühren.«
Pierre Bourdieu

Uhlmann beim Denken

»Und ich habe dann immer einen Ohrwurm von ›I juist can’t get enough‹ und ich denke, daß das echt ein guter Slogan wäre für das Fremdenverkehrsbüro von Juist. Und dann möchte ich das denen vorschlagen und dann habe ich aber die Nummer nicht vom Juister Tourismusbüro. Und selbst wenn ich sie hätte, würde ich mit einem Typen telefonieren, der sagen würde: ›Nein, ich denke, daß der Slogan ›Juist, die große Perle in der Kette der Nordfriesischen Inseln‹ besser ist als ›I juist can’t get enough!‹ Und dann werde ich beim Denken ärgerlich und ich weiß nicht warum«.

Obwohl ich hier beinahe gelacht hätte, ist der Popsänger Thees Uhlmann (»Tomte«) der Einfaltspinsel, als den ich ihn gespeichert hatte, und daß dessen Roman »Sophia, der Tod und ich« (KiWi) gleich zum Bestseller geworden ist, ist da gar kein Widerspruch. Denn wenn die Verlagsleseprobe irgendwas besagt, schreibt Uhlmann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und wenn die Leute etwas goutieren, dann das.

Und so fließt die heiter-alltagsphilosophische Begegnung mit Freund Hein, der eines Tages in der Tür steht – ca. eine Mischung aus den »Känguru-Chroniken« und des Berliners Ahne »Zwiegesprächen mit Gott« – , aus der Rübe direkt aufs Papier, ohne daß Uhlmann deswegen Rainald Goetz wäre: »Er: ›Schön haben Sie das hier!‹ – Ich: ›Oh, der Tod hat Humor. Das wußte ich auch noch nicht.‹ – Er: ›Sie verstehen das nicht.‹ – Ich: ›Der Tod siezt mich. Das wird wirklich immer besser. Einer der Chefs des Universums siezt mich.‹ – Er: ›Nur wer sich siezt, kann sich später duzen!‹« Das macht, versteht sich, »extrem gute Laune« (op. cit.), und für den notorisch kundenfreundlichen Applaus wird sich die Kritik (»witzig«, FAZ, »lustig«, NDR, u.v.a.m.) vorm Jüngsten Gericht hoffentlich verantworten müssen. Und Kiepenheuer & Witsch dafür, eine Leseprobe im Internet, die von drei Milliarden Menschen einsehbar ist, als »exklusiv« zu annoncieren.

Das wird wirklich immer besser alles.

  

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 O Gott, liebe »Tagesschau«!

Du titelst »Weniger Butter auf dem Brot«. Das hat uns geschockt. Wann wird es zu den nächsten Eskalationsstufen »Weniger Ketchup zu den Pommes«, »Weniger Bratensoße an Weihnachten« und »Weniger Limo in der originalen Paulaner Spezimischung« kommen?

Weniger Butter bei die Fische wünscht sich bei diesen Entwicklungen: Titanic

 Sie, Bundeskanzler Olaf Scholz,

wollten zum Tag der Arbeit Vorurteile über Arbeitsmoral und Arbeitsbedingungen in Deutschland entkräften. In einer Videobotschaft teilten Sie mit, es ärgere Sie, wenn manche abschätzig vom »Freizeitpark Deutschland« redeten.

Ist es aber nicht so, dass sich Teile der Arbeitgeberschaft tatsächlich in einem Phantasialand mit den Themenwelten »Lohngerechtigkeit«, »Aufstiegschancen« und »Selbstverwirklichung im Job« befinden und sich dort prächtig zu amüsieren scheinen?

Fragen aus der Geisterbahn Deutschland

Ihre Work-Life-Balancierer/innen von Titanic

 Eine Frage, »Redaktionsnetzwerk Deutschland« …

»Manche Abiturienten in Hessen machen womöglich absichtlich einige Rechtschreibfehler. Sie wollen beim Gendern ein Statement zu setzen« – und Du, RND? Wofür willst Du Dein Statement zu setzen?

Fragt absichtlich Titanic

 Waaaas, Klaas Heufer-Umlauf?

Waaaas, Klaas Heufer-Umlauf?

»Nirgendwo, auf keiner Demo der Welt, ist die Stimme so laut wie in der Wahlkabine!« haben Sie zum Thema Europawahl im Podcast von Anne Will behauptet. Haben Sie Ihre Wahlstimme denn schon immer mündlich abgegeben? Und das auch Ihren Fans ans Herz gelegt? Das würde zumindest die niedrige deutsche Wahlbeteiligung auf EU-Ebene erklären!

Lauthals grüßt Titanic

 Cześć, Koma-Transporte aus Polen!

Wir sind ja nicht anspruchsvoll, aber von einem Speditionsunternehmen erwarten wir schon, dass die Fahrer/innen zumindest zwischendurch mal bei Bewusstsein sind.

Da entscheiden wir uns doch lieber für die Konkurrenz von Sekundenschlaf-Logistik!

Wache Grüße von Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Neue Metaphern braucht das Land

Selbst wenn mir der Klimawandel egal ist, kann ich das angesichts der verdorrten Wälder und Felder leider nicht mehr damit veranschaulichen, dass »nach mir die Sintflut« kommen könne.

Tibor Rácskai

 Für Ethnologen

Gibt's so was wie Brautstraußfangen auch bei Begräbnissen?

Wolfgang Beck

 Grausiger Befund

Als Angstpatientin weiß ich den Smalltalk zu schätzen, den meine Zahnärztin vor der Behandlung mit mir führt, aber ihre beiläufige Bemerkung, dass sie True-Crime-Fan sei, während sie die Instrumente sortierte, war für unsere Vertrauensbasis eher kontraproduktiv.

Loreen Bauer

 Falscher Titel

Kürzlich habe ich einen Brief meiner ehemaligen Universität erhalten, dass ich mich, da ich in meiner Abschlussarbeit in Gletscherwissenschaften plagiiert haben soll und mir mein Titel nun aberkannt wird, fortan bitte nicht mehr Glaziologe, sondern lediglich Halbglaziologe nennen soll.

Ronnie Zumbühl

 Bräunungstagebuch 2017

Normalerweise kennt meine Haut nur drei Farbtöne: Glasnudel, Aschenbecher und Hummer. Zu meinem 37. wollte ich mal was Verrücktes machen und kaufte mir eine Flasche Bräunungscreme. Weil ich diese grandiose Idee im wärmsten August seit Beginn des Klimawandels hatte, kam ich von der Creme bald übel ins Schwitzen. Da saß ich nun auf der Couch, mit macchiatobraunem Leib und leuchtend gelbem Bart, triefend und hechelnd mit offenem Hemd, wie der sehr späte Jürgen Drews. Mein Verlangen nach Abenteuer war danach jedenfalls gestillt.

Dominik Wachsmann

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

Titanic unterwegs
18.06.2024 Düsseldorf, Goethe-Museum Hans Traxler: »Traxler zeichnet Goethe«
21.06.2024 Husum, Speicher Max Goldt
23.06.2024 Kiel, Schauspielhaus Max Goldt
18.08.2024 Aschaffenburg, Kunsthalle Jesuitenkirche Greser & Lenz: »Homo sapiens raus!«