Abonnieren Sie das Magazin!


S-Bahn-Passagier (2. Teil)

Allmählich hast du den Eindruck, etwas Ungehöriges zu tun, indem du jemanden so hemmungslos anstarrst. Jemanden? Nein, das ist selbstverständlich eine ganz und gar unangebrachte Empfindung, eine stark übertriebene Auffassung von Diskretion. Was du da betrachtest, dieses Zerrbild eines schlafenden, oder eher, toten Greises, ist lebloses Material, nur kannst du noch nicht mit Bestimmtheit entscheiden, welcher Art dieses Material ist. Einiges spricht für eine Modelliermasse wie zum Beispiel Gips. Auf einmal hoffst du, der Zug möge endlich seine Fahrt fortsetzen, doch dies geschieht nicht. Etwas anderes geschieht: Der Kopf scheint sich plötzlich zu bewegen. Zunächst glaubst du an eine Täuschung, doch dann besteht kein Zweifel mehr. Der Popanz dort drüben dreht langsam den Kopf! Er wendet dir sein Gesicht zu! Die Augen öffnen sich über dem schwarzen Loch des Mundes und glotzen dich direkt an. Du erschrickst, fühlst dich aufs grausamste ertappt und verbirgst dich, indem du schnell zur Seite trittst. Schon fragst du dich, ob du soeben wirklich frontal in dieses Gesicht geblickt hast. Als du vorsichtig wieder aus dem Fenster siehst, steht der Zug noch immer da, doch der ungeheure Fahrgast ist fort. Wo ist er geblieben? Ohne Erfolg suchst du alle Waggonfenster ab. Kraftlos lässt du das Fernglas sinken und starrst hinaus. Da! Was ist das? Natürlich nichts. Jetzt hast du dir schon eingebildet, eine Gestalt draußen im Dunkeln gesehen zu haben! Der leere Zug steht nach wie vor an derselben Stelle.
Jeden Abend kommst du mit der S-Bahn an einem Haus vorbei, das seit einer Woche deine Aufmerksamkeit erregt. In einem der dunklen Fenster steht jetzt immer eine seltsame Skulptur, die lebensgroße, aber überhaupt nicht lebensechte Büste eines Menschen, schwach angestrahlt von einer Straßenlaterne. Das bisschen Licht reicht aus, um die erschreckende, ja abstoßende Beschaffenheit des Gebildes zu enthüllen. Jeden Abend fragst du dich aufs neue: Wer stellt sich so etwas ins Fenster? Ein Art-brut-Liebhaber vielleicht? Ein Spaßvogel? Du hast das Gefühl, das leichenblasse Ding sehe dich an. Und ausgerechnet jetzt, Aug in Aug mit dieser Scheußlichkeit, bleibt die Bahn stehen. Du schaust auf die Uhr, es ist 23.30 Uhr.