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S-Bahn-Passagier (1. Teil)

Jeden Abend um 23.30 Uhr stehst du im Dunkeln am Fenster und siehst auf die Bahnlinie hinaus, die in höchstens zwanzig Metern Entfernung an deinem Haus vorbeiführt. Seit einer Woche tust du das nun, nachdem dir zufällig der große bleiche Kopf in einem der hellen Fensterrechtecke der ansonsten ganz leeren S-Bahn aufgefallen ist. Er hat dich so aus dem Gleichgewicht gebracht, dass du am nächsten Abend nach ihm Ausschau gehalten hast. Unglaublicherweise wiederholte sich der Vorgang um dieselbe Uhrzeit (du hast sie dir gemerkt) wie am Vortag. Alle vierundzwanzig Stunden verfolgst du seitdem, wie die Erscheinung an deinem Fenster vorüberzieht. Du kannst nicht glauben, dass dieser, dir immer nur sein Profil bietende Kopf einem lebenden Menschen gehören soll, denn er wirkt eher wie die misslungene Bastelarbeit eines entwicklungsgestörten Kindes oder wie der Scherz eines Erwachsenen mit Neigung zum Makabren. Es sind nicht einmal Ohren an dem kahlen, nach hinten gesunkenen Schädel; die Nase sieht aus wie ein kurzer Wurmfortsatz, das zu weit hinten plazierte Auge ist zugekniffen, der zahnlose Mund dagegen steht weit offen. Wer setzt da allabendlich so ein Scheusal aus Stoff oder Pappmachée an immer denselben Platz in dem stets menschenleeren Zug? Diese Frage beschäftigt dich, doch du hoffst kaum, je eine Antwort darauf zu finden. Wahrscheinlich wird das klobige Ding einfach eines Abends fehlen, und das Rätsel bleibt für alle Zeit ungelöst, also nimmst du dir vor: ‚Morgen geh ich zur nächsten S-Bahn-Station und schau mir die lächerliche Figur aus der Nähe an.’ Es interessiert dich, ob dieser unförmige Kopf auf einem entsprechend gebauten Körper sitzt.
Gleich muss der Zug kommen. Mit dem Fernglas vor den Augen stehst du auf deinem Beobachtungsposten. Und da schieben sich auch schon die hellerleuchteten Waggonfenster in dein Blickfeld. Wie immer ist die Bahn leer, abgesehen von dem auch heute am gewohnten Platz installierten Ulk. In weniger als zehn Sekunden wird die Vorstellung beendet sein, länger braucht die Bahn nicht, um dein Panorama von rechts nach links zu durchmessen. Heute abend jedoch, als du die bleiche, zurückgekippte Karikatur von einem Kopf kaum länger als drei Sekunden im Visier hast, bleibt der Zug stehen. Du jubelst. Nun hast du endlich Gelegenheit zu ausgiebiger Betrachtung. Am liebsten würdest du hinlaufen und in den stehenden Zug einsteigen, was natürlich unsinnig ist. Die S-Bahn kann jeden Augenblick weiterfahren, du tust also gut daran, die Zeit zu nutzen und den Gegenstand deiner Neugier genau unter die Lupe zu nehmen. Während du dies ungehindert tust, beschleicht dich bei dem befremdlichen Anblick ein ungutes Gefühl.

(Fortsetzung folgt)