Briefe an die Leser | September 2008


Diogenes-Verlag!

Deine Autorin Magdalen Nabb soll ja recht gut sein; jedenfalls ist sie ganz bestimmt besser als Dein Texter, der ihre Krimireihe um den Kommissar Maresciallo Guarnaccia so bewirbt: »Die ersten vier Fälle von Maresciallo Guarnaccia spielen jeweils in einer der vier Jahreszeiten, in Italien – bei Vivaldi und der Pizza quattro stagioni – beinahe ein Must.«

Jetzt warten wir gespannt auf einen von Dir verlegten Dreiteiler, der in Frankreich spielt – bei den drei Musketieren und der Tricolore schließlich une obligation!

Con olio:

Titanic

Und Du, Freie Kunstschule Altona,

bietest dankenswerterweise das Seminar »Müll-Stadt-Landschaft« an: »In einer losen Folge von Exkursionen wollen wir Einrichtungen der Müllwirtschaft besichtigen, z.Z.: Friedhof Ohlsdorf, Bestattungsinstitut, Krematorium, Handelskammer und in Gesprächen nach- und vorbereiten. Eine Untergruppe der Müll-AG beschäftigt sich mit der Herstellung von Papier« – alles drin, alles dran, liebe Freie Kunstschule Altona! Drei Fragen noch: Geht’s auf dem Friedhof eher um White Trash in Armengräbern oder schrottige Grab-Bepflanzung? Weiß die Handelskammer, was Du von Ihr hältst? Und Deine Papier-Müll-AG: Fahrt Ihr da raus zu Gruner und Jahr, oder wird an Deiner Seminarbeschreibung geübt?

Deine Müllwirte von der

Titanic

Hey, »Focus«!

Richtig explodiert sind wir bei Deinem Titel »Bluthochdruck: ­Der stil­le Killer«: Bluthochdruck – stiiiiilll?!! Verdammtnocheins!! Hast Du gottverlassenes Käsblatt schon wieder die falschen Experten bestellt?! Das gibt’s doch nicht!! Genau wie damals bei den Titeln »Tod auf Raten: Tankstellen­explosionen«! Oder »Vom Markwort überrollt – Wunden, die keiner sieht«? Argh! Bzw. uff! Du lernst einfach nicht dazu!

Auf hundertachtzig:

Titanic

Rudolf Schenker (59)!

Locker, wie Sie als alter Rocker halt sind, tauchten Sie neulich einfach mal so auf einem Konzert der »Ärzte« auf. Daß die Band bereits bei ihrer ersten Ansage gegen die Scorpions wetterte, hat Sie nicht weiter gestört: »Das machen die wohl öfter«, sagten Sie, ganz der coole Rock’n’Roller, später der Bild-Zeitung. Und auch, als Sie backstage der Band zu ihrem Auftritt gratulieren wollten und Farin Urlaub Sie nur fragte: »Wie bist du hier reingekommen?«, ging Ihnen laut eigener Aussage noch ein lockeres »Na, durch die Tür!« über die Lippen. Und so kam das, was dann passierte, wohl wirklich völlig überraschend für Sie: »Ungefähr 15 Securities drängten uns zurück, schubsten, rissen uns die Pässe vom Hals, verhängten Hausverbot. Völlig ohne Grund!« beschreiben Sie – immerhin Mitglied jener Band, welche die Wende herbeigepfiffen hat – das undankbare, ja »spießige« Verhalten der Ärzte. Denn: »Wir haben letzte Woche mit Brian Adams gefeiert, Dienstag Party mit Bon Jovi gemacht« –

spätestens bei diesem Satz aber hätten Sie, Schenker, sich aber doch denken können, warum die Ärzte Sie rausgeschmissen haben, nein?

Rock on:

Titanic

Friederike Haupt!

Daß der Ratgeberunfug inzwischen auch in der FAS grassiert, ist ja leider nichts Neues, aber Ihr Artikel »Mein Chef, die Nervensäge« mit seinem launigen bis zupackenden Schreibstil, den ewigen Expertenmeinungen und den nutzlosen, weil die Realität trivialisierenden Ratschlägen ist halt schon ein besonders tolles Stück Servicejournalismus. Unter Punkt zehn: »Positiv denken« verdichtet sich das ganze Elend in einem Bild, das natürlich nicht von Ihnen, sondern von einem Ihrer Experten stammt: »Wenn jemand partout ein Idiot bleiben will, können Sie das nicht ändern. Aber Sie können Ihre Art ändern, damit umzugehen. ›Reframing‹ – Umdeutung – nennen Psychologen diese Methode, die die negativen Folgen psychischer Belastungen mindert. Mit einem Beispiel veranschaulicht das Experte John Hoover: ›Wenn Sie Urlaub auf Hawaii machen, ist Ihnen ein erfrischendes Bad im Pazifischen Ozean sicher sehr recht. Was aber, wenn Ihr Segelboot fünf Meilen vom Ufer entfernt kentert? Dasselbe Wasser, die gleiche Temperatur, aber eine völlig andere psychische Reaktion.‹ Denken Sie also trotz Schiffbruchs noch ans Planschen. Oder schauen Sie sich schon mal nach einem neuen Job um.«

Wenn die Gedanken Schiffbruch erleiden, dann ist es schön, wenn wenigstens Sie, Frau Haupt, noch ans Planschen denken; denn Panik beim Ertrinken und ein erfrischendes Bad sind halt auch durch die glänzendste Gehirnwäsche nicht in einen Frame zu bringen, es sei denn, man möchte partout ein Idiot bleiben.

Und das wollen Sie doch nicht, oder?

Und, »Spiegel online«!

»Amstetten: Inzest-Verlies ließ sich im Notfall nicht öffnen« – im Gegensatz zu den meisten Verliesen, die ganz vorschriftsmäßig mit Notausgang, Feuerlöscher und Standleitung ausgestattet sind.

Tür zu!

Titanic

Hey, Bayerische Metall- und Elektroindustrie!

Deine Plakatkampagne zur Nachwuchsrekrutierung ist ja wohl so was von endstufenoberschimpansengeil – da wurde aber auch an nichts gespart! Weder am topaktuellen Grafikdesign (mit Rasterpunkten, Mauszeiger und Internetanschluß – megafett!), noch am shmooven Text (»spannende Berufe« – ey, so kraß cool!), noch am zielgruppengerecht zeitgemäß ausstaffierten Fotomodell: Man kennt sie ja, diese blutjungen Dinger in ihren hippen Rolling-Stones-T-Shirts!

Ehe Dir nun die Werkstore von kreischenden Teenies eingerannt werden: Unsere Bewerbungen sind schon unterwegs!

Deine

Titanic

Hans-Werner Sinn!

In der Volkswirtschaft, so erklärten Sie dem Spiegel, gehe es nicht um das Glück der Unternehmen, »sondern um das Glück der Menschen«. Einerseits. Andererseits ist das Glück des Billiglöhners mit dem des Leistungsträgers ja gar nicht zu vergleichen: »Besser schlechte Jobs als keine Jobs.« Glück, so folgern wir also messerscharf, ist, wenn man überhaupt irgendwie ausgenutzt wird – egal was man davon hat.

Noch größer dünkt uns allerdings das Glück, solche frohen Botschaften für gutes Geld unter die Leute bringen zu dürfen und dafür auch noch Applaus zu bekommen. Anstatt z.B. ein paar hinter die Ohren.

Ihre Glückskekse von der

Titanic

Aber hallo, Boris Becker!

Längst wähnten wir Sie abgehalftert, dafür aber steinreich auf irgend­einer Karibikinsel herum- und dem allmählichen Verschwinden entgegengammeln, und sei’s auch mit neuer Verlobter. Welch schöne Überraschung also, Sie beim Durchblättern einer x-beliebigen Fernsehzeitung wiederzusehen, nämlich als Hauptdarsteller des sechsteiligen Formats »Boris Becker meets…«. Wir zitieren: »2. Folge: Alicia Keys. Heute erlebt Boris Becker einen Tag mit der elffachen Grammy-Gewinnerin Alicia Keys. Der Tag beginnt mit einem leckeren Frühstück. Weiter geht es auf Einkaufstour – so wie es Frauen gefällt: Alicia wählt aus, und Boris Becker zahlt.« Soweit, so prima! Aber, Bobbele: Warum nur sechs (!) Folgen? Da geht mehr! Zum Beispiel in der 60teiligen Erfolgsserie »Boris Becker needs…«: »1. Folge: Money. Heute erlebt Boris Becker eine Sendung mit dem Qualitätssender Pro Sieben. Der Tag beginnt mit einem leckeren Scheck. Weiter geht es so, wie es ausgemusterten Altpromis gefällt: Boris Becker macht preiswerten Unfug, und ProSieben zahlt.«

Wünscht noch viele goldene Herbstjahre:

Titanic

Joop, Wolfgang!

Daß Sie seit Jahr und Tag in unser aller Kanzlerin verschossen sind, ist ja kein Geheimnis; zumal Sie auch keins draus machen: »Widerspruch in einer mehr oder minder konstanten Abfolge gehört zum Stil. Die Überraschung ist wichtig. Wenn jemand um die Ecke biegt und ich sage: ›Wow! Das ist dir zu dir eingefallen am heutigen Tag?‹ Da staune ich dann gerne. Angela Merkels Dekolleté in Oslo dieses Jahr war so ein Moment: fantastisch. Egal, ob Winter oder Sommer, so ein Ausschnitt ist das Beste: Man kann ihn in Schwarz mit Tweed oder mit Pelz verbrämen« oder evtl. auch einfach ganz zuhängen, mit Damast oder Holz; egal: »Als Ausdruck von Souveränität war dieser Mut der Kanzlerin stilprägend. Anders als Madonna muß sich Angela Merkel nicht anbiedern oder anbieten. Ihr Auftritt war … voller Widersprüche. Das Dekolleté war eine Einladung zum Blick in ihr Gesicht« – welch feine Dialektik –, »das so weich und fraulich ist und in scharfem Kontrast zu ihren klaren Augen steht – und als Kontrapunkt dazu ihr marschierender Gang. Wunderbar widersprüchlich, aber am Ende auf verdrehte Art ausbalanciert. Stil hat immer etwas mit Souveränität zu tun«, evtl. also auch mit der Souveränität, mit der Sie, Joop, das, was Ihnen zum ranghöchsten deutschen Busenwunder mit dem Musgesicht so eingefallen ist, in verdreht-verliebte Rede packen.

Daher: Stil Note eins!

Und jetzt aber stil, äh: still!

Titanic

Jürgen Klinsmann!

Sie sind ja seit einigen Wochen Trainer des FC Bayern München und sorgen seitdem, wie zu erwarten war, mit allerhand Reformen, Innovationen und Feelgood-Schnickschnack für Aufsehen. Welchen Zweck das von Ihnen für knapp vier Millionen Euro in Auftrag gegebene »Leistungszentrum« erfüllen soll, erklärten Sie nun dem hauseigenen Internet-Kanal fcb.tv. »Wir haben jetzt Räumlich­keiten, in denen die Spieler sich relaxen und bei Bedarf auch die deutsche Sprache lernen können.« Weswegen wir natürlich – Sie ahnen es –zu fragen geneigt sind, ob die Teilnahme an den Sprachkursen eigentlich auch dem Trainer offensteht bzw. in welcher Lektion denn so die reflexiven Verben auf dem Lehrplan stehen, gell.

Bis dahin senden Ihnen relaxte Grüße

die Leistungsträger von der

Titanic

Plattenfirma EMI!

Einer Deiner Künstler ist der Ballermann-Star Mickie Krause. Krause unterschrieb im Frühjahr 2008 einen offenen Brief an »die Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel«, in dem er sie zusammen mit anderen Jahrhundertkünstlern dazu aufforderte, das »Recht am geistigen Eigentum« zu stärken und den ganzen Download- und Brennverbrechern ordentlich auf die Finger zu hauen. Nun ist es endlich soweit, daß man Krauses geistiges Eigentum auf einer »Best of«-CD erwerben kann, deren Titel »10 Jahre gute Unterhaltung« lautet.

Das Album enthält unter anderem Songperlen wie »Zeig doch mal die Möpse«, »Geh doch zu Hause, du alte Scheiße« und »Halt die Nüsse fest, jetzt wird geblasen«. Und besonders schön, Plattenfirma EMI, ist Dein Slogan direkt darunter: »Gute Musik ist besser.«

Wo du recht hast, hast du recht!

Burn, baby, burn:

Titanic

Recht schönen Dank auch, »co2online gemeinnützige GmbH« (Berlin),

für diese unverlangte Pressemitteilung, die zeigt, daß die entscheidenden Dinge eben doch in der Hauptstadt passieren: »Deutschlands Klimasong heißt ›Treibhauseffekt‹. Berliner Band setzt sich gegen sechs Klimasong-Finalisten durch … Am Ende war es knapp: Nur wenige Stimmen trennen den neuen offiziellen Klimasong der Klimaschutzkampagne ›Treibhauseffekt‹ vom Zweitplatzierten ›Panikmache‹. Die Berliner Band Mellow Mark, Pyro Merz & Ruffcats konnte sich mit ihrem Wettbewerbsbeitrag unter den sechs Finalisten durchsetzen … Auf dem ersten klimafreundlichen Monkey Island Festival ›Gutes Klima für gute Musik‹ in Berlin präsentierten Radio Fritz-Moderator Ken Jebsen und Kampagnenleiterin Tanja Loitz das Abstimmungsergebnis. ›Treibhauseffekt klingt zunächst nach guter Strandlaune. Doch beim Mitsummen erwischt er einen von hinten, und man fragt sich, ob das ganze Jahr Sommer in Deutschland wirklich wünschenswert ist‹, an der Stelle will Loitz die Zuhörer abholen und zu mehr Engagement motivieren. ›Die westliche Zivilisation fährt mit Überschallgeschwindigkeit auf den Abgrund zu, und wir beschreiben das im ironisch-sarkastischen Ton‹, erklärt Sänger Pyro Merz, der mit seinen Bandkollegen bewußt nicht ›sozialkritisch‹ oder nach ›erhobenem Zeigefinger‹ klingen will« – sondern, wir sind uns sicher, nach prima mentalklima­unfreundlicher Gesinnungsscheiße ­von ganz weit hinten, vor der wir mit Überschall­geschwindigkeit flüchten, und sei’s auch Richtung Abgrund.

»Motiviert«:

Titanic

Holger Stromberg!

Als Koch der deutschen Fußballnationalmannschaft verdient man vermutlich nicht ganz soviel wie die Spieler und muß also erst recht für blödsinnige Anzeigen posieren: »Mit Nutella zum Frühstück steht’s eigentlich schon eins zu null.« Und genauso ist es ja auch – denken wir nur ans EM-Finale!

Dann doch lieber Nusspli:

Titanic

»Berliner Zeitung«!

Investigativer Journalismus findet ja immer so Sachen heraus, und Du bist in vorderster Front dabei: Als die Tagesthemen einmal das i in »Solschenizyn« vergaßen, mochten das viele übersehen haben, nicht aber Du! Und drum suchtest Du, wo Du schon einmal Blut geleckt hattest, sofort nach weiteren Unfällen: »CSU-Huber und die Atompolitik, alles richtig, Massenpanik in Indien … nichts auszusetzen.« Nun ist das, Berliner Zeitung, nicht weiter verwunderlich: Der CSU-Huber hat die voll korrekt richtige Atompolitik eben drauf, die Inder wiederum haben die Massenpanik oft genug geübt, um sie jetzt gekonnt und auch ästhetisch ansprechend zu praktizieren; weswegen Du auch korrekterweise nichts auszusetzen hattest.

Hat wie immer nichts auszusetzen:

Titanic

Berlusconi!

Normalerweise haben Sie ja nicht unbedingt was gegen halbnackte Weiber; jedenfalls nicht, solange sie Ihnen die Stiefel küssen oder in einem Ihrer zahlreichen Fernsehkanäle zwecks Mehrung Ihres Kapitals herumhüpfen. Einen nackten Busen haben Sie jetzt aber doch verhüllen lassen: den der Wahrheit, die sich als Allegorie auf einem Gemälde von Giambattista Tiepolo räkelt. Das Bild aus dem 18. Jahrhundert ziert den Pressesaal des Palazzo Chigi, in dem Sie vor Ihren versammelten Fernsehfritzen immer die Weltlage erklären, und so geriet der nackte Busen direttamente zur Kulisse Ihres jugendlichen Antlitzes: »Die Brustwarze hätte die sittlichen Empfindungen der Fernsehzuschauer verletzen können«, erklärte einer Ihrer Unterstaatssekretäre. Gottlob ist die Gefahr mittlerweile gebannt und der Busen übermalt. Nun ist also nicht nur Neapel gesäubert, sondern auch die italienische Kunstgeschichte, und Ihrer Regentschaft auf Lebenszeit steht nichts mehr im Wege.

Nur, Berlusconi, haben Ihre Image-Techniker eines nicht bedacht: Die Brustwarze ist zwar weg, aber Ihre grinsende Verbrechervisage bleibt ja noch ein Weilchen auf dem Bildschirm, und was das für das sittliche Empfinden der Fernsehzuschauer bedeutet, müssen wir Ihnen wohl nicht erklären. Kurzum, wir sähen das Problem gern anders gelöst: Die nackte Wahrheit im Hintergrund wieder unverhüllt, und dafür kriegt der Galgenvogel vorne immer einen schönen breiten schwarzen Balken über die Augen!

Komitee Wahrheit und Sittlichkeit c/o

Titanic

Zweifellos, Aaron und Christine Boring, Pittsburgh,

ist die unkontrollierte Datensammelei durch Dritte bzw. Google besorgniserregend, und jeder Versuch, z. B. das Abfilmen des eigenen Hauses durch Kamerawagen für Googles »Street View« gerichtlich verbieten zu lassen, zu begrüßen. Aber daß ausgerechnet Ihr Euch da in die Bresche werft – so interessant klingt Euer Privatleben ja nun nicht!

Interessante Grüße:

Titanic

Daß Sie, Günter Grass,

in seiner Todesstunde am Bett Ihres Freundes Peter Rühmkorf saßen, das hat er sich wohl so ausgesucht. Daß Sie ihm, kurz nachdem er den letzten Atemzug getan hatte, die Stirn mit Grappa abgetupft haben, das hätte ihm, wenn er es sich nicht sogar ausdrücklich gewünscht hat, sicherlich gefallen. Daß Sie diese Sterbebegleitung gleich in ein Gedicht verwursten – wen wundert’s? Aber war denn das wirklich nötig: »Im Schlaf gestorben: schön sein Profil, / das ich zu zeichnen nicht zögerte.«

Peter Rühmkorf war doch schon von seiner Krebserkrankung schwer gezeichnet – und zwar im Zweifel besser! Mußten denn da auch noch Sie …?

»Was Deines Amtes nicht ist, da laß Deinen Vorwitz« (Jes Sir 3, 24).

In diesem Sinne:

Titanic

Ratzinger!

In Sydney hielten Sie heuer mal wieder so einen Weltjugendtag ab, blöderweise begleitet von der leidigen Diskussion um katholische Geistliche, die eine Menge Liebe für ihre Nächsten übrig haben, sofern diese so sechs bis zwölf Jahre sind und nicht groß Fisimatenten machen, wenn dem Pater mal die Hand Gottes unter die Meßdienerkutte rutscht. Sie reagierten indessen prompt und ließen es sich nicht nehmen, zum Abschluß des Events vier der Mißbrauchsopfer »privat« zu treffen, worüber man, Ratzinger, geteilter Meinung sein kann – in jedem Fall aber besser, als sich als Mann in Ihrer Position irgendwo in der Öffentlichkeit erwischen zu lassen!

Ausnahmsweise mal päpstlicher als der Papst:

Titanic

Und wäre es möglich, »Stern«,

daß Du für Deinen Titel zum Besuch Barack Obamas in Balin: »Erlöser oder Verführer?« aus Versehen auf eine Schlagzeile von, hm, ungefähr 1932 zurückgegriffen hast, als ein ganz anderer in Berlin von Hunderttausenden als Erlöser gefeiert oder als Verführer beargwöhnt wurde? Und gehst also davon aus, daß Obama nach Wahlsieg und Machtergreifung die USA gleichschaltet, Rassengesetze erläßt und zügig auf einen Weltkrieg zustrebt?

Natürlich nicht. Du bist einfach einer der zahlreichen medialen Multiplikatoren, denen zwecks Auflage die historischen Konnotationen wurscht sind; bzw. willkommen.

Alter Verführer, der Du bist!

Titanic

Rainer Brüderle!

Ihnen gefiel es also gar nicht, daß Barack Obama in Berlin zu Füßen der Siegessäule auftrat, denn diese sei einst von den Nazis an ihren aktuellen Ort gestellt worden und erinnere an vergangene Siege über Frankreich und Dänemark. Für Hitler sei die Sieges­säule »das Symbol deutscher Überlegenheit und siegreicher Kriege« gewesen, es stelle sich mithin die Frage, »ob das die richtige Symbolik für eine Rede über internationale Zusammenarbeit« sei. Das mag schon sein. Aber stellte sich naheliegenderweise denn da nicht die Frage, ob diese häßliche Säule ganz generell die richtige Symbolik für Berlin als Hauptstadt ist? Und wie ist es, so rein symbolisch betrachtet, dann zu verstehen, daß dieses nach Ihrer Meinung ja offenkundige Nazi-Objekt zur Verhöhnung der Froschfresser 2009 für 3,5 Millionen Euro wieder aufpoliert werden soll? Mensch, Brüderle: Das wär’ doch mal der Moment, Zivil­courage zu zeigen!

Also: Ran an die Spitzhacke!

Ihre Unterstützer auf der

Titanic

Jörg Röhl!

Neulich haben wir auf dem Regensburger Fischmarkt einen dann durchaus delikaten Donauwaller erstanden, der aber zunächst sehr unangenehme Gerüche entwickelte. Bis wir draufkamen: Der Fisch stank vom Papier her, in das er eingewickelt war! Es war nämlich das Hochglanzpapier des poppig­-peppigen Regensburger Anzeigenmonatsmagazins Filter, Ausgabe Januar 2008, wo Sie auf den Seiten 6 bis 9 unter der Überschrift »Atomkraft im Blickpunkt« einen schwer investigativen »Besuch im Atomkraftwerk Isar 2« schilderten. Garniert mit vielen bunten Bildern, die zeigen, wie harmonisch sich »Isar 2« in die Landschaft einfügt, finden sich darin so glückliche Sätze wie dieser: »Eine Freisetzung radioaktiver Stoffe aus den Behältern findet nicht statt, da die Behälter dicht sind.« Sehr schön, Jörg Röhl! Nur leider kennen wir diese Art lyrischer Prosa zu gut, sie ist im Internet innerhalb von zehn Sekunden ausfindig zu machen: http://www.eon-kern­kraft.com/Ressources/downloads/Info_Standort_KKG.pdf – also besten Dank noch fürs Abschreiben! Und wenn wir Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg noch was mit auf den Weg geben dürfen: Eine Freisetzung geistigen Eigentums aus den Gehirnwindungen findet nicht statt, wenn der Atomschädel hermetisch dicht ist!

Grüße vom Komitee für die Endlagerung journalistischer Betrüger und Atomagitpropfuzzis in Salzstöcken:

Titanic

Sie nun, Dirk Blothner,

durften als Psychologe für das Magazin des Kölner Stadtanzeigers erklären, warum die größten Helden der Jugend ausgerechnet Superhelden sind: »Spiderman ist so beliebt, weil er dasselbe erlebt wie viele Pubertierende. Er entdeckt ungeahnte Kräfte, lernt sie zu nutzen und bemüht sich, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.«

Und das frühe Spiderman-Abenteuer sähen wir ja gerne: Wie er beim Kekswichsen im Ferienlager mit Abstand der beste ist und hernach die Bösewichter reihenweise mit einem tödlichen Spermastrahl – –

ist so eine Sache mit den Analogien, gell?

Ihre Superhelden auf der

Titanic

Und dann, Eheleute Jolie-Pitt,

wetteten wir nach der hinreißenden Benamsung Eurer ersten vier Kinder (Maddox Chivan Jolie-Pitt, Pax Thien Jolie-Pitt, Zahara Marley Jolie-Pitt und Shiloh Nouvel Jolie-Pitt) vor der Geburt Eurer Zwillinge auf etwas vergleichbar Eingängiges aus dem Bereich Xerxes Fußabstraiva Gandhi Jolie-Pitt für den Buben und Badhos Cosma Sahara Jolie-Pitt für das Mädel – und wurden dann mit Knox Leon Jolie-Pitt und Vivienne Marcheline Jolie-Pitt nur knapp unterboten!

Ermüdete Grüße von nicht unbedingt Eurer

Titanic

Und Du, »Spiegel«,

hast mal wieder ein megaheißes Eisen angepackt und auf Deinem Titel 33/08 gefragt: »Macht das Internet doof?«, um diese Frage dann in einer zwölfseitigen Hammerstory inkl. 1a Symbolfoto-Informationen über »Netz­-Surfer in Valencia«, ein »Internet-Café im indischen Rangpo« und »simsende Jugendliche in Wedel (bei Hamburg)« zu ergründen. Dabei wäre es in diesem Fall doch wirklich mal ganz einfach gewesen: Einfach die Seite www.spiegel.de aufrufen, durch­lesen – und schon ist die Frage mit einem klaren »Ja« beantwortet.

Da nich für:

Titanic

Schwester der besten Freundin der Cousine der »SZ«-Praktikantin!

Total lieb von Dir, in den großen Ferien dabei zu helfen, das »Panorama«, die Bunte-Meldungen-Rubrik der Süddeutschen Zeitung, vollzumachen. Aber auch wenn es ebenda nicht ganz so schwerst qualitätsjournalistisch zugeht, solltest Du eine Grundregel der Zunft doch beachten: »Mann beißt Hund« ist eine Nachricht. »Marihuana im Tourbus von Snoop Dogg gefunden« nicht.

Wuff!

Titanic

 

Aktuelle Cartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Liebe Alte,

»Drogenhandel und Abzocke von Senioren« titelte kürzlich die Braunschweiger Zeitung. Also, dass Ihr abgezockt werdet, finden wir natürlich echt doof, aber: Wie läuft es denn so mit der Rentenaufbesserung durch den Drogenhandel?

Fragt schon mal prophylaktisch: Titanic

 Sylt Marketing Gesellschaft!

Du machst auf dem Festland mit dem Slogan »Sylt macht sychtig« auf die umrissbekannte Nordseeinsel aufmerksam. Und ja, sie hat noch mehr negative Eigenschaften! Sylt ist syndhaft teuer, das Publikum dort verhält sich dynkelhaft. Ja, die ganze Ynsel ist bei genauerer Betrachtung das reinste Shythole, ein Besuch dort kompletter Unsynn!

Steht fürs nächste Brainstorming gerne bereit: Titanic

 Sänger Max Mutzke!

Sänger Max Mutzke!

Zum Thema Klimawandel und Verkehr klagten Sie im Interview: »Es gibt bei uns eine Verbindung, da fahr ich 10-12 Minuten mit dem Auto hin. Weil der Ort aber auf dem Berg liegt, fährt der Bus mehrere Stationen an und es dauert fast zwei Stunden. Aber da arbeiten Leute.«

Wir wissen nicht, wie der Berg, auf dem Sie wohnen, beschaffen ist und wer dort die Busrouten plant. Aber mal angenommen, Sie würden wegen der langen Busfahrt den einen oder anderen Auftritt verpassen, wäre das nicht ein weiterer Grund für die »Öffis«?

In diesem Sinne: Go green!

Titanic

 Wie viele Achtundsechziger, Udo Knapp,

bist auch Du, je älter Du wurdest, politisch immer weiter von links nach rechts marschiert: Du warst der letzte Vorsitzende des SDS, anschließend in einem Verein namens »Proletarische Linke«, um dann in den Achtzigern auf dem rechten Flügel der Grünen zu landen und schließlich bei der SPD, und zwar eigentlich nur, damit Du was in den Kolonien werden konntest, am Ende stellvertretender Landrat. Heute kritisierst Du die Gewerkschaften dafür, dass sie nur immer wieder Lohn fordern, wie man das als einer, der nichts gelernt hat bis aufs Lamentieren, halt so macht.

Dieser Weg verbindet Dich mit dem wohl dümmsten deutschen Sänger, Wolf Biermann, weshalb Du dem »alten weisen Mann« (Dein O-Ton) auch neulich so kenntnisfrei wie pathetisch zum Geburtstag gratuliertest: »Biermann hat den größten Teil seines Lebens in zwei furchtbaren deutschen Diktaturen verbracht. In beiden hat er gelitten, aber beide hat er mutig streitend und widerstehend überlebt.«

Wie man nun aber jeder Biermann-Bio entnehmen kann, hat der walrossbärtige Dödelbarde nur acht Jahre unter den Nazis und 23 Jahre in der DDR gelebt; die restlichen 53 jedoch im goldenen Westen (britische Besatzungszone, BRD und Gesamtdeutschland). Daher nun unsere Frage: Bist Du Dir, Udo Knapp, sicher, dass Du auf Deine alten Tage die Bundesrepublik Deutschland, in der Du so schöne Posten innehattest, wirklich als furchtbare Diktatur bezeichnen willst?

Wie meinen? Es stand doch bloß in der Taz, und in keiner richtigen Zeitung? Und rechnen konntest Du noch nie? Na dann, weitermachen, Udo, aber vielleicht demnächst doch ein bisschen, he, he, knapper.

Kurz angebunden: Titanic

 Was ist da los, deutsche Medien?

»Die radikalen Impfgegner vom Alpthal« besuchte der Spiegel und fragte dazu mit brennendem Reporterehrgeiz bereits im Teaser: »Nun verweigerte ein Dorf gar dem Impfbus die Einfahrt. Was ist da los?« Gute Frage. Der auch die Taz nachgeht: »Im Schwarzwaldkreis Rottweil sorgen Impfgegner für gereizte Stimmung. Was ist da los?« Womöglich Ähnliches wie im Nordosten. Die B.Z.: »Was ist da los? Corona-Lage in Brandenburg doppelt so schlimm wie in Berlin«. Aber nicht nur im Zuge der Pandemie verlangt überraschender Tumult nach unverzüglicher Aufklärung: »Was ist da los? Bei Bella Hadid fließen Tränen« (N-TV); »Was ist da los? Anouar wurde bei The Voice disqualifiziert« (Berliner Kurier); »Was ist da los? NFL-Superstar schon wieder verletzt«. Gut, dass Bild sich der Sache annimmt, denn die FAZ ist gerade mit Wichtigerem beschäftigt: »Die neue Apple Watch 7 ist angekündigt, aber Garmin hält sich bei seinem Top-Produkt zurück. Was ist da los?«

Der, die, das, / wer, wie, was / wieso, weshalb warum? / Wer nicht fragt, bleibt dumm – sicherlich. Wer allerdings immer dasselbe fragt, auch.

Überfragt: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Trost vom Statistiker

Wenn du wieder einmal frustriert bist und denkst, du bist nur durchschnittlich begabt und mittelmäßig erfolgreich, dann wechsele doch einfach in eine andere Stichprobe!

Theobald Fuchs

 Fünfzehn Zeichen Ruhm

Es hat wohl niemand je den Wunsch, um jeden Preis berühmt zu werden, heftiger kritisiert als meine Urgroßmutter. Ich kann mich gut erinnern, dass mein Vater einmal beim Lesen der Zeitung aufschreckte und Uroma ihn fragte: »Was ist denn?« – »Der Franz ist gestorben. Ich habe gerade seine Todesanzeige gelesen.« Sie schüttelte bloß genervt den Kopf und sagte: »Die Leute machen heutzutage wirklich schon alles, um in die Zeitung zu kommen.«

Jürgen Miedl

 Schicksalhafte Wendung

Brüche im Leben gibt es bei allen Menschen. Öfter ist es so, dass jemand nach überstandener schwerer Krankheit das bisherige Streben nach Geld und Ruhm infrage stellt und beschließt, den sinnentleerten Job im Reisebüro, in der PR-Agentur (sehr viel seltener vielleicht auch im Schlachthof) hinzuschmeißen, um nur noch zu malen, zu töpfern, zu fotografieren, einen Gemüsegarten anzulegen oder zu schreiben. Es erfolgt allerdings nicht zwangsläufig eine Neuausrichtung zum Kontemplativen, Musischen. In meiner Bekanntschaft gibt es einen Fall, in dem der genesene junge Künstler seine Erfüllung als skrupelloser Miethai fand.

Miriam Wurster

 Notgedrungen einfallsreich

Mein Nachbar vergisst seit einigen Jahren regelmäßig seine Bank-Pin. Auf die Karte kann er die Pin natürlich nicht schreiben. Wie er mir vor Kurzem berichtete, hat er eine clevere Lösung für sein Problem gefunden: Um sich die Pin nicht mehr merken zu müssen, aber trotzdem nicht sein Geld zu riskieren, hat er seine Pin einfach auf den einzigen von ihm genutzten Bankautomaten geschrieben.

Karl Franz

 Alles richtich

Jüngst wurde ich darauf angesprochen, dass das Wort »richtig« aus logopädischer Sicht korrekterweise »richtich« ausgesprochen werden muss. Um mir meine Verwunderung darüber gar nicht erst anmerken zu lassen, entgegnete ich nur ein lässiges »selbstverständlig«.

Fabian Lichter

Vermischtes

Katz & Goldt: "Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?"
Stephan Katz und Max Goldt: Ihr monatlicher Comic ist der einzige Bestandteil von TITANIC, an dem nie jemand etwas auszusetzen hat. In diesem Prachtband findet sich also das Beste aus dem endgültigen Satiremagazin und noch besseres, das bisher zurückgehalten wurde. Gewicht: schwer. Anmutung: hochwertig. Preis: zu gering. Bewertung: alle Sterne.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURWenzel Storch: "Die Filme" (gebundene Ausgabe)
Renommierte Filmkritiker beschreiben ihn als "Terry Gilliam auf Speed", als "Buñuel ohne Stützräder": Der Extremfilmer Wenzel Storch macht extrem irre Streifen mit extrem kleinen Budget, die er in extrem kurzer Zeit abdreht – sein letzter Film wurde in nur zwölf Jahren sendefähig. Storchs abendfüllende Blockbuster "Der Glanz dieser Tage", "Sommer der Liebe" und "Die Reise ins Glück" können beim unvorbereiteten Publikum Persönlichkeitstörungen, Kopfschmerz und spontane Erleuchtung hervorrufen. In diesem liebevoll gestalteten Prachtband wird das cineastische Gesamtwerk von "Deutschlands bestem Regisseur" (TITANIC) in unzähligen Interviews, Fotos und Textschnipseln aufbereitet.
Zweijahres-Abo: 117,80 EURKamagurka & Herr Seele: "Cowboy Henk"
Er ist Belgier, Kamagurka. Belgier! Wissen Sie, was der Mann alles durchgemacht hat in letzter Zeit? Eben, er ist Belgier. Und hat trotzdem in einem Finger mehr Witz als Sie im ganzen Leib! Und Heldenmut! Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie sich von Cowboy Henk überzeugen, dem einzigen Helden, der wirklich jeden Tag eine gute Tat begeht.
Zweijahres-Abo: 117,80 EUR
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Das schreiben die anderen

  • 20.01.:

    In Göttingen eröffnete die große Eugen-Egner-Ausstellung im Alten Rathaus. Bilder vom Event zeigt das Göttinger Tageblatt und die Stadt Göttingen hat alles aufgezeichnet.

  • 20.01.:

    Mit Daumen und Rechenschieber erstellte Oliver Maria Schmitt in der FAZ das Horoskop fürs Reisejahr 2022, der Cartoon dazu stammt von Katharina Greve.

Titanic unterwegs
26.01.2022 Dresden, Staatsschauspiel Max Goldt
26.01.2022 Hamburg, Polittbüro Thomas Gsella
31.01.2022 Meiningen, Kunsthaus K. Greve, H&B und A. Plikat: »Corona revisited«
08.03.2022 München, Valentin-Karlstadt-Musäum »Herr Haas zeigt Hasen«