Die US-amerikanische Popsängerin Taylor Swifties hat soeben ihr zwölftes Studienalbum vorgelegt. Es ist ein weltweites Phänomen, bitte notieren Sie das. Von Nuuk über Kairo bis Punta Arenas (Umweg wegen Zeitverschiebung) gibt es nur ein Gesprächsthema: den langersehnten deutschen Herbst der Reformen. Aber direkt dahinter kommt das jeweilige Wetter und dann auch schon Taylor Swift. Sie wollen sicher wissen, wie wir die sogenannte Platte finden, damit Sie wissen, wie Sie sie finden sollen. Nun, wir haben dem Werk drei Sterne gegeben, wollen aber noch die Rezensionen wichtiger Leitmedien abwarten, bevor wir entscheiden, von wie vielen. Gehen wir die Songs doch einfach mal durch. The Fate of OpheliaDer erste Track des Albums, darauf können wir uns bereits festlegen. Es gibt eindeutige Bezüge zu Goethes Hamlet, wobei Swift wahrscheinlich auf die englische Übersetzung rekurriert, da geht natürlich viel verloren. Musikalisch ein Potpourri aus Eurodance und Neofolk, aus Beats und Beatles, aus X und Y, das sind Platzhalter, falls uns noch was einfällt. Das Lied hat eine Länge von 3 Minuten und 46 Sekunden und ist damit 16 Sekunden zu lang, denn wissenschaftliche Studien besagen, dass ein perfekter Popsong nicht länger als 3:30 sein darf. Ein Anfängerfehler, der Swift nicht unterlaufen darf, vielleicht hat sie aber auch schlechte Berater. Elizabeth TaylorBisher der schwächste Song des Albums, es fehlen die literarischen Bezüge, und die Musik hört man kaum, da gerade ein Gewitter über der Redaktion tobt. Setzen, Sechs, Frau Swift! OpaliteWir erkennen hier Reminiszenzen, allerdings nicht, woran. Das ist aber egal, Reminiszenzen sind schon mal gut, also als Wort für eine Rezension. Das Lied ist ganz gut, aber unsere Rezension desselben noch besser, wegen der Reminiszenzen. Father FigureEine Hommage an den leider viel zu früh, aber auch Jahrzehnte zu spät verstorbenen Journalisten Franz Josef Wagner, der für Swift der Vater war, den sie nie hatte, also der übergriffige, ihr leiblicher Vater soll ja nett sein. Sie waren stets in Briefkontakt, und als plötzlich keine Post von Wagner mehr kam, war Swift so erleichtert, dass sie diesen Song schrieb. Ein qualitativ hochwertiger Song übrigens, wie aus der Manufaktur, nur das Didgeridoo am Ende hätte nicht sein müssen. Eldest DaughterTaylor Swift insinuiert hier, sie wäre die älteste Tochter ihrer Eltern, dabei hat sie nur einen jüngeren Bruder und mitnichten jüngere Schwestern. Die Google-KI sagt zwar, selbst ein Einzelkind könne als ältestes Kind bezeichnet werden, aber das ist doch künstliche Dummheit und nicht Intelligenz. Ein wunderschöner Song über Familie und so was, aber das ist Privatsache und gehört nicht in eine Rezension. Ruin The FriendshipMorricone-Zitate, pizzicatoähnliche Gitarren und das quengelige Lamento von Mark E. Smith sucht man vergebens, T. Swift changiert stattdessen zwischen Shoegazing, Dixieland-Jazz und Post-Grunge. Begleitet nur von der sparsam eingesetzten Akustikgitarre, singt Swift hier von ihrer Freundschaft zu Ruinen, insbesondere zur Schlossruine Heidelberg und den Ruinen von Angkor Wat. Ein melancholisches Lied, das schon beim ersten Hören gute Laune macht. Hier hätte das Didgeridoo am Ende gepasst, eine vertane Chance. Actually RomanticDas Gewitter ist inzwischen weitergezogen, nun übertönen dezibelstarke Laubsägearbeiten im Garten der Redaktion Taylor Swifts Musik. Das Zischen der Säge und das sanfte Knistern des Holzes beim Sägen erinnern an die frühen Arbeiten von Tom Sawyer, als er noch nicht so kommerziell geworden war. Ein anrührendes Lied über Laub und Liebe, über Gottes Segen und Handwerkers Sägen. Wish ListTaylor Swift verbindet hier Elemente von diesem und jenem, ohne ihre Wurzeln in der Country-Musik zu verleugnen. Wurzeln werden in Rezensionen ja niemals verleugnet, achten Sie mal darauf. Worum es in dem Song geht, bleibt offen, denn Swift singt konsequent auf Englisch, und die deutsche Übersetzung wurde noch nicht besorgt. Ein klasse Song, der besonders textlich überzeugt. WoodDreimal auf Holz geklopft, das reicht nicht für ein Lied, das zweieinhalb Minuten lang dauert. Eigentlich. Taylor Swift macht daraus einen wunderbar zurückgenommenen Minimal-Pop-Song, der seine Mittel höchst ökonomisch einsetzt und bewusst auf überladene Klangteppiche verzichtet. Cancelled!Cancelled. HoneyCancelled wegen wieder einsetzender Laubsägearbeiten. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten und setzen Sie zur Not schalldichte Kopfhörer auf. The Life of a ShowgirlUnsere Recherchen haben ergeben, dass es sich hierbei um den Titelsong des Albums handelt. Um einen Song, den man nach dem Hören sofort wieder vergessen hat, und was kann man Besseres über ein Lied sagen? Lange im Ohr bleiben ja nur die nervtötendsten Hervorbringungen akustischer Natur, etwa die frühen Laubsägearbeiten von Pete Säger. Beitragsnavigation Obacht, Oettle! #37 Eugen Egners »Gift gibt Kraft«