Nervosität

“Ich brauche noch ein Wichtelgeschenk für Papa”

Henry ist 13 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”.

Außenstehende würden sagen, Henrys maßloser Energy-Drink-Konsum ist schuld an seiner ständigen Nervosität. Das stimmt nur zum Teil. Henry ist vielseitig nervös. Es gibt noch die Nervosität, an der er leidet, wenn sein Tipico-Guthaben aufgebraucht ist. Er schwitzt dann so viel und unkontrolliert, dass ich eine Regel einführen musste. Er darf in unserem Haushalt nicht mehr ohne Schutzanzug auf Polstern sitzen. Dann wiederum gibt es die Art von Nervosität, die sich bei ihm in roten Flecken an allen möglichen Körperstellen äußert. Die tritt auf, wenn er im Auftrag des nordkoreanischen Staates spioniert. Jedenfalls sehe ich keinen anderen Grund, warum er sonst neulich meine Unterwäscheschublade durchwühlt hat.

Ich habe nicht erwartet, dass Henry nervös sein wird, wenn er jemanden konfrontieren muss. Henry ist nämlich gut darin, Leute spontan zu konfrontieren. Wenn ihn jemand schräg wegen seines Andreas-Gabalier-Shirts anschaut, sagt er der Person direkt ins Gesicht, dass sie ein linksgrünversifftes Schlafschaf sei. In der Hinsicht kann ich viel von ihm lernen. Das Ausmaß seiner Nervosität, als ich ihn beauftragte, seinem Vater in meinem Namen die Scheidungspapiere zu überreichen, hat mich deshalb überrascht. “Ich brauche noch ein Wichtelgeschenk für Papa”, hatte Henry mich doch wochenlang vollgejammert. Ich dachte, ich tue ihm einen Gefallen.

Nun verhielt sich Henry zu Beginn unseres Thailand-Urlaubs wie ein anderer Mensch. Normalerweise ist er nicht kontaktfreudig. Direkt am ersten Tag spielte er jedoch mit anderen Hotelgästen zwölf Stunden am Stück Twister. Am nächsten Abend sang er mit dem Animateur während der Karaoke-Nightdie ganze Diskografie von Sarah Connor. Dreimal. Ich stelle mir vor, dass Henry sich ablenken und nicht mit seinen Gedanken alleine sein wollte. Sicher wissen tue ich es natürlich nicht. Mir fehlt die Muße, ihn danach zu fragen.

Ich habe gelesen, dass Eltern ihre Kinder aus ihren Konflikten raushalten sollen. Ich finde das schade. Damit unterstellt man seinen Kindern, dass sie sich nicht für das Leben ihrer Eltern interessieren. Henry sieht das auch so. “Natürlich hasse ich dich nicht”, stellte er klar und fragte nicht erneut, warum ich die Scheidungspapiere nicht selbst überreichen könne. Musste er auch nicht. Ich entschied mich aus einem anderen Grund dafür, die Reißleine zu ziehen.

Es lag an meiner Nervosität. Henrys Geselligkeit machte mich nervös. Es hat meist negative Konsequenzen, wenn er mit Menschen redet. Ich muss dann Fremde so lange besänftigen, bis sie endlich ihre Anzeigen zurückziehen. Das mag ich nicht, denn ich bin ungern freundlich. Deshalb ließ ich meinen Mann also selbst wissen, dass ich mich von ihm scheiden lassen möchte. Das mit den spontanen Konfrontationen habe ich ja von Henry gelernt. Die Stimmung meines Mannes ist seitdem gedrückt. Verständlicherweise. Sein Sohn hatte kein Wichtelgeschenk für ihn. Die beiden spielen nun schon 48 Stunden am Stück Playstation. Das bedeutet immerhin: Henry ist wieder der Alte.