Ein schwerer Fall von Reisen (2. Teil) Nachgerade protestierend weise ich einen solchen Verdacht von mir. Dann erkundigt sich die Dame: „Gibt es Vorschädigungen? Irgendwelche Ortsveränderungen in der Kindheit?“ „Gott, ja, da gab es das eine oder andere…“ Sie sieht mich ernst, aber wohlwollend an. Gewiß kann ich dieser Frau vertrauen. In ihrem ruhigen, angenehmen Tonfall redet sie mir gut zu: „Beim Reisen ist es wichtig, sich ganz ruhig zu verhalten, den Körper zu versteifen, nichts anzufassen und an zu Hause zu denken. Denken Sie immer nur: ‚Es geht vorbei, es geht vorbei.‘ Haben Sie keine Angst, eine Reisepsychose tritt nicht zwingend auf. Es muß bei Ihnen keineswegs so verlaufen wie zum Beispiel bei Hölderlin.“ Sie bittet mich, das Anmeldeformular auszufüllen und ihr meine Krankenversicherungskarte zu geben, mit der sie dann zur Rezeption geht. Ein paar Minuten später habe ich die Schreibarbeit erledigt, erhebe mich und gebe die Papiere ab. „Schön“, sagt die Frau, „dann zeige ich Ihnen jetzt Ihr Zimmer.“ Sie kommt wieder hinter ihrer Theke hervor, hebt mühelos meine schwere Tasche vom Boden auf, um sie leichtfüßig vor mir her ins nächste Stockwerk zu tragen. Das Zimmer ist, was man gemeinhin „einfach“ nennt, die Einrichtung wirkt für ihr Alter guterhalten. Mit der Auskunft „Der Arzt wird gleich nach Ihnen sehen“ stellt die Empfangsdame mein Gepäck ab und verläßt mich. Ich tue, was in einer solchen Situation zu tun ist: Ich hänge meinen Mantel an die Garderobe und beginne, den Inhalt meiner Reisetasche auf Kleiderschrank und Bad zu verteilen. (Fortsetzung folgt) Beitragsnavigation The Very Rest of 2024 (II) “Frühs beweget sich geschwindt, was des Spät noch krachen will” (J. W. v. Goethe)