Sokrates und Silicon Valley

»Die Kultur geht seit Tausenden Jahren den Bach runter, schon der griechische Philosoph Sokrates beschwerte sich bekanntermaßen heftig über die schlimme Kulturtechnik ›Schrift‹, weil die Jugend deshalb nichts mehr auswendig lerne«, schreibt Sascha Lobo auf spiegel.de über Ängste vor und Kritik an KI. Gleichzeitig sprechen sich Experten immer wieder auch explizit gegen eine solche Einordnung der KI-Kritik aus; KI sei eben doch etwas fundamental anderes als etwa der Einzug des Musikfernsehens oder der Schlaghosen in unseren Alltag.

Vieles lässt sich rückblickend als aufmerksamkeitsökonomisch getriebenes »Düstergetöse« (Lobo) abtun. Vor nicht allzu langer Zeit dachte man schließlich noch, die größte Gefahr aus dem neuen Internet seien Horden wildfremder Menschen, die nach einem unbedachten Klick im Netz auf die Gartenfeier im realen Leben stürmten und laut polternd den Tchibo-Pavillon samt Buffet besetzten.

Andere wiederum warnten eindringlich vor der Erosion des Freundschaftsbegriffs und davor, dass von Hunderten Facebookfreunden, wenn es hart auf hart käme, womöglich kein einziger beim Umzug helfen würde. Es kam dann ohnehin alles ganz anders: Heute möchten einen aus MS-Paint exportierte Frösche und Abertausende Bots dazu überreden, es doch noch einmal mit dem Faschismus zu versuchen. Wie das eben so ist mit dem Blick in die Glaskugel, man kann sich irren.

Technik ist, so die Binse, nun einmal nicht zu trennen von den Verhältnissen, die sie hervorbringen. Wo autoritäre Krisenlösungen und Deregulierung Konjunktur haben, braucht es demnach auch keinen Hang zum Verschwörungsglauben, um in der KI die Drohung für etliche Menschen zu sehen. Sie könnten sich – wie Dietmar Dath es jüngst in der FAZ formulierte – die Stechuhr eines Tages noch zurückwünschen, »die damit verglichen ein Sakramentalgerät der Nächstenliebe war«.