Neuanfang

»Sí«

Thorben ist jetzt 6 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 13 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre »Mütersöhnchen«.

»Ich will weg! Weg! Weit weg!« quengelte Thorben pausenlos. Und zwar wochenlang. Auch wenn es mich zwischenzeitlich sehr nervte. Im Nachhinein bin ich dankbar, dass Thorben so hartnäckig geblieben ist. Ohne ihn hätten wir es wahrscheinlich nie durchgezogen, in ein anderes Land auszuwandern. Das liegt daran, dass ich mich in Deutschland immer wohlgefühlt habe. Mit Ausnahme des Tages, an dem Jendrik mit »I Don’t Feel Hate« beim ESC angetreten ist. Noch nie konnte ich mich so wenig mit einem Song identifizieren.

Man hört ja oft, dass es vielen Menschen schwerfällt, einen Neuanfang zu wagen. Das überrascht mich nicht. Viele Eltern unterstützen ihre Kinder nicht dabei, wenn sie von vorne anfangen möchten. Das war schon immer so. Bei uns ist das anders. Thorben darf jeden Sonntag, Woche für Woche, das Spielzeug wegschmeißen, das er nicht mehr braucht. Montags gehen wir dann in ein Geschäft, damit er sich etwas Neues aussuchen kann. Ich kann zu keinem Moment erkennen, dass ihn die Situation belastet. Im Gegenteil. Ich denke, es hat ihn sehr gut darauf vorbereitet, nun sein altes Leben loszulassen.

Paraguay, Chile und Argentinien standen in der engeren Auswahl. Das sind die Länder außerhalb der DACH-Region, in denen Thorbens Helmut-Kohl-Parodien auf TikTok am besten ankommen. Anscheinend interessieren sich dort viele Menschen für deutsche Geschichte. Das gefällt mir, denn ich unterhalte mich noch heute gerne über die erste Staffel von Big Brother. Letztendlich haben wir uns für Paraguay entschieden, weil wir hier bereits Kontakte haben. »Ist es da schön?« fragte Thorben hoffnungsvoll. Als Antwort zeigte ich ihm die WhatsApp-Story meiner ehemaligen Hausärztin. Sie ist damals während der Corona-Pandemie nach Paraguay ausgewandert. Aus Angst, dass sie von Karl Lauterbachs Stimme Gürtelrose bekommt. Ich scheine glücklicherweise davongekommen zu sein.

In einem Blog für Auswanderer habe ich neulich gelesen, dass es hilfreich sein kann, die Landessprache zu lernen. Teils, teils, würde ich dagegenhalten. Für seinen TikTok-Account braucht Thorben sie nicht, denn die Helmut-Kohl-Parodien würden auf Spanisch nicht funktionieren. Aber ganz drumherum kommt er nicht, sage ich ihm und hole meinen Lebensgefährten Stefan gleich mit dazu. Immerhin müssen wir auch in Paraguay unseren Lebensunterhalt sichern und irgendwann wird es nicht mehr ausreichen, dass beide Mentalisten im Haus nur Gedanken auf Deutsch lesen können. »Sí«, erwidert Thorben. Einfach so. Dabei hätte ich gar keinen weiteren Beweis dafür gebraucht, dass er hochbegabt ist.

Ich kann mit Sicherheit sagen, dass es für uns als Familie der beste Zeitpunkt für einen Neuanfang war. Dafür gibt es mehrere Gründe: dass ich den Kontakt zu Gideon abgebrochen habe, die FDP nicht in den Bundestag gekommen ist und das Jugendamt mehrmals nach 18 Uhr angerufen hat. Trotzdem finde ich es schade, dass Henry nicht mitgekommen ist. Aber er hat einfach so friedlich geschlafen, dass ich ihn nicht wecken wollte.