Demokratie »Liegt es an mir?« Henry ist 13 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 6 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre »Mütersöhnchen«. Neulich war ich mal wieder zu gutgläubig. Dabei hätte ich sofort stutzig werden müssen, als Henry mich fragte, ob er mich am Tag der Bundestagswahl ins Wahllokal begleiten dürfe. Vor allem deshalb, weil er seine Frage so übertrieben höflich formulierte. Das tut er sonst nur, wenn er mich darum bittet, irgendwelche schwarzen Koffer an irgendwelchen Autobahnraststätten für ihn abzustellen. Henry ist noch nie durch ein besonders großes demokratisches Bewusstsein aufgefallen. Ganz im Gegenteil, was mir seine Politiklehrerin in der Vergangenheit mehrmals und eindringlich unter die Nase gerieben hat. Ich wollte von Henry wissen, was er überhaupt im Wahllokal wolle. »Ich würde mich freuen, meine alte Grundschule wiederzusehen«, sagte er lächelnd. Es stimmte, dass wir in seine alte Grundschule mussten, um zu wählen. Mir war aber neu, dass Henry positive Erinnerungen an seine Grundschulzeit hat (oder dass er überhaupt Erinnerungen an seine Grundschulzeit hat). Wie sich später herausstellte, war so oder so alles gelogen. Henry hat versucht, einen Anschlag auf die Bundestagswahl durchzuführen. Sein Plan: die Wahlurne mit Fluffy Slime zu füllen. Mich beeindruckt noch immer, wie viel Zeit Henry in die Aktion investiert hat. Den Fluffy Slime (zu Deutsch: fluffiger Schleim) hat er selbst aus Rasierschaum, flüssigem Bastelkleber und Kontaktlinsenflüssigkeit angerührt und ihn anschließend in blauer Lebensmittelfarbe getränkt. Wenn ich gewusst hätte, dass Henry so gerne bastelt, hätte er das Filztäschchen für sein Taschenmesser auch selbst herstellen können. Der Aufwand hat sich jedoch nicht gelohnt. Eine Wahlhelferin warf sich auf Henry, noch bevor dieser den zähen Schleim durch den Schlitz drücken konnte. Lokalzeitungen beschrieben die Wahlhelferin im Nachhinein als »mutig« und bezeichneten sie als »Heldin«, teilweise wenig originell als »mutige Heldin«. Ich kenne diese Frau. Sie heißt Andrea und ist Teil des Elternrats, dem ich aktuell vorsitze. Mir graut es schon davor, dass sie sich bei der nächsten Versammlung als Retterin der Demokratie aufspielen wird. Dabei sollte es etwas ganz Alltägliches sein, unsere Demokratie zu retten. Einmal versteckte ich die Wahlunterlagen und den Personalausweis meines Exmannes, da er vorgehabt hatte, die Grünen zu wählen. Ich gehe nur nicht damit hausieren. Henry hat sich bei dem Sturz seine Knie aufgeschlagen. Das sorgte dafür, dass er jetzt Schoner tragen muss, um den täglichen Kniefall vor seinem Andrew-Tate-Schrein durchzuführen. Unsichtbar sind aber die seelischen Verletzungen, die er durch seinen gescheiterten Anschlag davontragen muss. Ich habe gelesen, dass es schlecht fürs Selbstbewusstsein von Kindern ist, wenn sie nie etwas zu Ende führen. Bei Henry ist es das biodynamische Gärtnern, dass er irgendwann doch wieder angefangen hat, zu duschen, und jetzt eben dieser Anschlag. »Nie klappt etwas«, erkennt auch Henry und lässt bedrückt den Kopf hängen. »Liegt es an mir?« Seine Augen sind glasig. »Ausnahmsweise nicht«, antworte ich und meine es ehrlich. Ich werde Andrea nie verzeihen, dass sie das Selbstbewusstsein meines Sohnes zerstört hat. Beitragsnavigation Mann, o Mann! Lindner vs. TITANIC