Fantum

»Nichts. Gucken.«

Henry ist 13 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre »Mütersöhnchen«.

Lange habe ich geglaubt, es könnte keine schlimmere Nacht geben als die, in der ich geträumt habe, dass mein Sohn Gideon den Literaturnobelpreis gewinnt. Dann sollte ich mit Henry auf Campingstühlen vor einem Kiosk übernachten. Nicht vor irgendeinem Kiosk – es handelte sich um einen der Kioske, von dem Henry vermutete, dass MontanaBlack dort einkaufen geht.

Henry mag diesen Streamer sehr gerne. Auf einer Unterhose, die er häufig trägt, ist das Gesicht des Streamers abgebildet. Wahrscheinlich würde Henry sogar sagen, dass MontanaBlack sein Lieblingsmensch ist. »Ich kenne ihn sehr gut«, sagt er, manchmal auch: »Ich wünschte, du würdest mich zur Adoption freigeben

Henry glaubt, er könnte sich mit MontanaBlack anfreunden, weil er sehr viel Zeit mit ihm verbringt. Neulich habe ich am Bahnhof auf einer LED-Wand gelesen, dass man diese Art von Beziehung eine »parasoziale Beziehung« nennt. Eine parasoziale Beziehung ist einseitig, denn der Streamer weiß vermutlich nicht, dass Henry existiert. Aber Henry hat nicht nur die Adresse des Streamers herausgefunden, sondern schickt ihm auch jeden Tag Geschenke, wie er es vor ein paar Jahren bei einem sogenannten Christfluencer getan hat.

Kann man Henry als obsessiven Fan bezeichnen? Ich weiß es nicht. Immerhin sitzen wir nur vor einem Kiosk in der Nähe des Hauses, in dem MontanaBlack wohnt, und nicht direkt unter seiner Abzugshaube. Außerdem muss ich bei dem Thema selbstkritisch sein: Als Jugendliche habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass die Sänger von Take That mich entführen und mir anschließend erlauben, im Bett zu essen. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass das obsessiv war. Aber Henry muss sich nicht wünschen, dass MontanaBlack ihn entführt, weil er bereits in seinem Bett essen darf. Auch weil ich es unhygienisch finde, wenn er am Esszimmertisch isst.

Was er überhaupt machen wolle, wenn MontanaBlack tatsächlich in diesen Kiosk geht, frage ich Henry, als wir bereits 21 Stunden in der Kälte ausharren. »Nichts«, sagt Henry. »Gucken.« In diesem Moment wird es mir zu viel. Für »nichts« habe ich mir also eine mehrstündige detaillierte Beschreibung darüber angehört, wie MontanaBlack womöglich riecht?

Ich hatte schon immer eine komplizierte Beziehung zur Sorgfaltspflicht. Schon als Jugendliche habe ich mich bei »Wahrheit oder Pflicht« immer für »Wahrheit« entschieden, weil es sich bei »Pflicht« schwer lügen lässt. Wenn Kinder nicht volljährig sind, müssen Eltern aber mit ihnen die Nacht vor einem Kiosk verbringen. Ich weiß, dass es mich schlimmer hätte treffen können: Es gibt Eltern, die erst eine Nacht im Freien verbringen und anschließend ihren Kindern dabei zuschauen müssen, wie sie ihre Unterhosen auf die Bühne der Elevator Boys werfen.

Trotzdem finde ich: Nach einer Nacht ist Schluss. Henry sitzt nun schon sieben Tage alleine vor dem Kiosk. Ich hoffe, er trägt seine Unterhose noch.