Der erste Nebenjob “Du wirst ihn wiedersehen” Thorben ist 5 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 13 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”. “Gibt es eigentlich den perfekten Zeitpunkt für den ersten Nebenjob?” frage ich mich, während ich Thorben bei seiner ersten Schicht im Wahrsagerzelt beobachte. Ich selbst habe mit 12 Jahren angefangen zu arbeiten. Es war nichts Außergewöhnliches. Zweimal die Woche brachte ich im Vorgarten meiner Mathelehrerin ihren Rollrasen mit einer Nagelschere auf gleichmäßige 3,7 Zentimeter. Kein perfekter Zeitpunkt, denn in den Mathearbeiten bekam ich bessere oder schlechtere Noten, je nachdem, wie ordentlich ich an den Rändern gearbeitet hatte. Es war nicht geplant, dass Thorben jetzt einen Nebenjob anfängt. Ich habe mir immer für ihn gewünscht, dass er bereits mit drei Jahren Vollzeit als Kindermodel für Strickpullover von Tchibo arbeitet. Nun kam alles anders. Es begann damit, dass ich Thorben auf dem Weihnachtsmarkt aus den Augen verlor. Ich gebe den Filztäschchen und der Feuerzangenbowle die Schuld. Erst am Abend fand ich Thorben im Wahrsagerzelt wieder, wo er sich direkt mit tränenden Augen an mich drückte. “Ich habe versucht, ihn aufzuhalten”, weinte er in meinen Schlauchschal. “Es ging alles so schnell.” Ich nahm einen tiefen Atemzug der stickigen Zeltluft und schmeckte einen Hauch Axe Dark Temptation auf der Zunge. Mehr brauchte ich nicht, um zu wissen: Thorben sprach von seinem Vater, dem Mentalisten Stefan. Es dauerte etwas, bis die Chef-Wahrsagerin Informationen über meine leidenschaftliche Ex-Affäre rausrückte. Ich musste ihr erst drohen, über den ganzen Weihnachtsmarkt zu schreien, dass ihre Glaskugel aus dem Dekosortiment von Depot ist. “Ich beschäftige Stefan als Handleser auf Honorarbasis“, erklärte sie endlich. Aber dann sei Stefan aufgeflogen und geflüchtet. Nicht wegen der Europol-Sache, sondern weil er lebenslanges Hausverbot auf dem Weihnachtsmarkt habe. Die Wahrsagerin faselte irgendwas von der “Verletzung der Hygienevorschriften” und “Schokofrüchten”, aber ich hörte schon gar nicht mehr hin. Stattdessen griff ich nach Thorbens Hand, um ebenfalls zu flüchten. Ich hatte Angst, dass mich noch im Zelt die Traurigkeit über Stefans Abwesenheit überrollen würde. Doch die Wahrsagerin ließ uns nicht gehen. Stefan habe gutes Geld rangeschafft. Immerhin sei er der Einzige auf dem deutschen Markt, der die Lottozahlen aus Katzenpfoten lesen könne. “Ich kann spüren, dass sein Sohn dieses Talent geerbt hat”, flüsterte sie. Mir fielen keine guten Argumente ein, warum Thorben nicht ein paar Schichten übernehmen könnte. Außer vielleicht, dass er statt “Tarot” immer “Tatort Münster” sagt. Stolz beobachte ich nun Thorben, wie er sich gewissenhaft die Lottozahlen der KW 52 notiert. Ich wünschte, seine kleingeistige Kindergärtnerin könnte ihn jetzt sehen. Sie hatte nämlich verhindert, dass Thorben früher eingeschult wird – obwohl ich ihr eindrücklich dargelegt hatte, dass er bereits lesen kann. Aus der Hand, aus dem Kaffeesatz und nun also auch aus der gebrochenen Pfote einer American Shorthair. Als Thorben später mir die Karten legt und dabei “Du wirst ihn wiedersehen” entgegenhaucht, weiß ich sicher: Es gibt den perfekten Zeitpunkt für den ersten Nebenjob. Beitragsnavigation Alles Gute, Berghain! TITANIC-Servicezeit Gesundheit