Autofahren

“Jeder geht anders mit der Nachricht um, dass die Ampel-Regierung gescheitert ist”

Henry ist 13 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”.

Ich bin nicht wütend, dass Henry Auto gefahren ist. Obwohl es nicht hätte sein müssen, dass er ausgerechnet mit meinem Zweitwagen fährt anstatt mit dem seines Vaters. “Ich habe nichts falsch gemacht“, sagt Henry, als ich ihn von der Polizeistation abhole. Im Kern hat er sogar Recht: Die Polizei hat Henry in einer Spielstraße angehalten, aber nicht, weil er zu schnell gefahren ist. Genau damit hat er sich verdächtig gemacht. Erwachsene Autofahrer, die ich kenne, würden das nicht tun. Ich hätte ahnen müssen, dass Henry irgendwann den Drang verspürt, selbst das Lenkrad zu übernehmen. Ich glaube daran, dass alles einen Grund hat, und ich habe Henry geboren, als ich mit meinem alten Passat im McDrive stand.

“Jeder geht anders mit der Nachricht um, dass die Ampel-Regierung gescheitert ist”, versuche ich mir zu erklären, warum Henry ausgerechnet jetzt eine Spritztour unternehmen wollte. Ich verurteile diese Übersprungshandlung nicht. Als ich in der WhatsApp-Story meiner Chiropraktikerin erfahren habe, dass Christian Lindner entlassen wurde, habe ich zum ersten Mal seit Wochen meinen Mann wieder kontaktiert. Nicht, weil ich glaube, dass auch unsere Beziehung zerbrochen ist, sondern weil sie den gleichen Haaransatz teilen. Nur einer von beiden könnte aber langsam aus seinem mehrwöchigen Urlaub mit Birgit zurückkehren. “Wer ist Christian Lindner?” widerlegt Henry meine Vermutung. Stimmt, woher sollte er auch die Handynummer meiner Chiropraktikerin haben?

Es macht mich nicht wütend, aber ich fremdle damit, jetzt einfach nur erleichtert zu sein, dass Henry nichts passiert ist. Das würde ja bedeuten, dass ich nicht in die Fahrkünste meines Sohnes vertraue. Ich weiß doch, wie viel Zeit er in GTA investiert. Mir liegt schwer auf dem Herzen, dass ich Henry kaum wiedererkenne. Gab es nicht mal eine Zeit, in der er anstatt in die Spielstraße direkt auf die Autobahn gefahren wäre? Weil er das Abenteuer liebte? Wo ist dieser Henry? “Ich gehe in mein Zimmer”, teilt er mir mit, als wir zu Hause ankommen. Gewiss spielt er jetzt GTA. Mich stimmt der Gedanke traurig, dass er womöglich sogar da übt, rückwärts einzuparken, anstatt Unfälle auf der Schnellstraße zu bauen.

Eine Sache macht mich hingegen wütend: dass Henry sich hat erwischen lassen. Uns droht nun eine Strafe. Ich habe nicht die passende Kleidung, um Sozialstunden beim TÜV zu absolvieren. Und wofür das alles? “Papa hat mir geschrieben, dass er nach Hause kommt”, rückt Henry endlich mit der Sprache raus. “Ich wollte ihn vom Flughafen abholen. Ohne dich.” Ich frage Henry, seit wann der Flughafen in der von uns 200 Meter entfernten Spielstraße liegt. Schachmatt. Henry hat heute einen Fehler gemacht: Er ist davon ausgegangen, dass meine Ehe wie die Ampel-Regierung gescheitert ist. Und er weiß nicht, dass mein Mann mir ein Selfie geschickt hat. Der Hundefilter lässt ihn jünger aussehen.