Verstecken spielen Irgendwann kommt Thorben immer von allein aus seinem Versteck Thorben ist 5 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 12 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”. Es ist sehr frustrierend, mit Thorben Verstecken zu spielen. Denn meistens ist er unauffindbar. Einmal ließen sich seine Freunde frühzeitig von ihren Eltern abholen, nachdem sie über vier Stunden vergeblich versucht hatten, Thorben zu finden. “Ich hatte überhaupt keine Angst”, berichtete mein jüngster Sohn am Morgen danach stolz. Er hatte die Nacht in der Tiefgarage verbracht, im Kofferraum des Twingos unserer Nachbarn. Ich war währenddessen unbesorgt gewesen. Ich habe gelernt: Irgendwann kommt Thorben immer von allein aus seinem Versteck. Daran dachte ich, als ich allein durch Paris streifte und überlegte, wo Thorben sich versteckt haben könnte. Dieses Mal wollte ich ihm zuvorkommen. Gideon war mir keine Hilfe – er war bereits mit seiner Muse Clémentine an die Côte d’Azur abgereist. Paris ist groß, Thorben könnte sich überall verstecken. Auf dem Rummel in einem Wahrsagerzelt. Oder als Hütchenspieler auf der Champs-Élysées. Es wäre nicht sein erster Trickbetrug. Doch gerade deshalb war es leider zu naheliegend. Mein Mann war der Überzeugung, dass Thorben von seinem Vater, dem Mentalisten Stefan, in die Pariser Katakomben verschleppt wurde. Statt die Polizei zu verständigen, gab ich ihm den Rat, lieber in der Zeit mit Henry Yoga zu praktizieren. Ich beobachtete meine Umgebung. Aktuell war es nicht möglich, sich frei in der Stadt zu bewegen. Das lag daran, dass die Olympischen Spiele begannen. Thorben interessiert sich nicht für Olympia. Auch ich hatte nicht vor, mir auch nur irgendeinen Wettkampf anzuschauen. War es nicht gerade deshalb plausibel, dass Thorben bei der Eröffnungsfeier mit seiner Helmut-Kohl-Parodie auftreten würde? Oder viel einfacher, sich im Kostüm des olympischen Maskottchens versteckte, gerade weil ich niemals damit rechnen würde? “Hab ich dich endlich!”, rief ich, als ich ein freilaufendes Olympia-Maskottchen zu Boden warf. Es leistete mehr Widerstand als erwartet. Mehr als Thorben körperlich in der Lage war. Bei einer anschließenden Verfolgungsjagd entkam ich der Phryge nur knapp. Nach Atem ringend stehe ich nun auf einer Brücke und lasse meinen Blick über die Seine schweifen. In der Ferne sehe ich zwei Menschen durch das trübe Wasser gleiten. Der Junge könnte in Thorbens Alter sein, denke ich, seine Bewegungen wirken jedoch zu professionell. Thorben hat nur mit Schummeln das Seepferdchen bestanden. An seiner Seite schwimmt ein sehr trainierter, attraktiver Mann – es könnte Stefan sein, nur die Haare sind länger und der Körper drahtiger. Mir stockt der Atem. Konnte es tatsächlich sein, dass Thorben sich noch kurzfristig für Olympia qualifiziert hatte? Dass er und Stefan nicht zu erreichen waren, weil sie für den Wettkampf “400 Meter Freistil” trainierten? Ich mache ein Foto. Für meinen Mann. Ich schreibe: “Die Katakomben sehen anders aus, oder?” Ich hatte es gewusst: Irgendwann kommt Thorben immer von allein aus seinem Versteck. Die Kolumne von Viola Müter erscheint jeden Donnerstag nur bei TITANIC. Beitragsnavigation Fakt vs. Frage Das neue Heft ist da!