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Müters Söhne

Dez. 5, 2024

 

Schwimmen lernen 

„Ich habe eine Wasserallergie“

Henry ist 13 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre „Mütersöhnchen“. 

„Muss das wirklich sein?“ fragt mich Henry zum wiederholten Male, als ich ihm seine Badetasche in die Hand drücke. „Ja“, antworte ich leidend. Auch ich kann mir viele Freizeitaktivitäten vorstellen, die erfüllender sind, als mit Henry den Nachmittag im Taunusbad Oberursel zu verbringen. Zum Beispiel habe ich die neue Folge Goodbye Deutschland noch nicht gesehen. Aber es nützt ja nichts: Henry muss endlich schwimmen lernen. Wenn wir über Weihnachten mit der Familie nach Thailand fliegen, will ich mir meinen Strawberry Daiquiri nachfüllen lassen, ohne mich sorgen zu müssen, dass Henry währenddessen im Infinity-Pool ertrinkt. 

„Ich habe eine Wasserallergie“, unternimmt er einen Versuch, mich umzustimmen. Die Ausrede kenne ich schon. Er benutzt sie jeden Abend, um sich die Zähne nicht putzen zu müssen. Gelten lasse ich sie nur jeden zweiten. Es ist nicht meine Schuld, dass Henry nicht schwimmen kann. Ich habe meine Pflicht einst getan – ich habe ihn im Alter von sechs Jahren zum Schwimmunterricht angemeldet. Er hielt sich jedoch in der Zeit, in der die anderen Kinder gewissenhaft ihren Brustbeinschlag übten, lieber bei den Massagedüsen im Solebecken auf. Damals konnte ich das nicht nachvollziehen. Heute weiß ich: Thermalsole hat eine blutdrucksenkende Wirkung und Henry hatte zu der Zeit das erste Mal Stress mit Wettschulden.  

Ich erinnere mich noch, dass es mir trotzdem sehr peinlich war, als er als Einziger in seiner Gruppe durch die Seepferdchen-Prüfung rasselte. Vor allem wegen der Art und Weise: Schon nach drei Armzügen rettete er sich schwer atmend an den Beckenrand und kotzte drei Portionen Pommes mit Mayonnaise und vier Nogger Choc in die Überlaufrinne. Ich musste keine Gastroenterologin sein, um zu verstehen, dass Henry anscheinend auch gerne Zeit im Gastronomiebereich verbrachte. Henry war es schließlich auch sehr peinlich, nachdem ich ihm nachdrücklich zu verstehen gab, wie peinlich es mir gewesen war. 

Ich verstehe trotzdem nicht, warum Henry sich seitdem weigert, schwimmen zu lernen. Er hatte doch kürzlich diese Survival-Phase. Er ist jetzt zwar in der Lage, sich in der tiefsten Wildnis ein Floß aus leeren Energy-Drink-Dosen zu bauen, aber ist der Natur vollkommen ausgeliefert, wenn er in eine zu tiefe Pfütze tritt. „Ich brauche deine Hilfe nicht“, brüllt Henry, als ich ihm einfache Schwimmzüge vormache. Er steigt aus dem Becken und stapft davon. Glaube ich zumindest. Ich sehe ihn kaum, weil meine Augen brennen. Schwimmbrille vergessen. 

Ich verbringe ein wenig Zeit auf einer Poolnudel und mache mich anschließend auf die Suche nach ihm. Im Gastronomiebereich finde ich ihn nicht. Auch nicht im Solebecken, denn im Taunusbad Oberursel gibt es kein Solebecken. Ich finde ihn in Embryonalstellung auf einer Liege. Er zeigt auf ein paar Jugendliche in seinem Alter. „Die sind in meiner Klasse.“ Ach, jetzt verstehe ich. Es ist ihm peinlich, wenn seine Freunde wissen, dass er nicht schwimmen kann. Manchmal sind die Gefühle von Teenagern unergründlich.