Yoga 

“In Neuseeland sagt man, ‘you have a beautiful soul'”

Henry ist 12 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”. 

Henry seufzt wohlig, als er seinen steifen Körper aus der Kobra in den herabschauenden Hund bewegt. Ich bin stolz auf ihn. Es ist lange her, dass er sich auf eine Idee von mir eingelassen hat. Zuletzt vor drei Jahren, als ich ihm empfahl, sonntags nach dem Tatort lieber ein Glas Wasser zu trinken anstatt drei Dosen Monster Energy. Ich dachte, es wäre ein guter Moment, um mehr Zeit mit Henry zu verbringen. Gerade jetzt, wo uns als Familie stark belastet, dass wir seit Tagen nichts mehr von unserem kleinen Thorben gehört haben, der mit dem Mentalisten Stefan in Frankreich unterwegs ist. “Thorben ist weg?” war zwar Henrys Reaktion, aber umso wichtiger, dachte ich, dass er seine Achtsamkeit schult.

Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, Henry bei einem Yogakurs anzumelden. Nicht erst, seit mich seine Klassenlehrerin zum wiederholten Male warnte, Henry würde sich radikalisieren. Ich glaube, dazu müsste er erst herausfinden, was er überhaupt möchte – Männlichkeitsinfluencer werden, Krypto-Coachnordkoreanischer Spion oder doch einfach nur rechts? An Yoga liebe ich, dass es egal ist, wer wir sind und was wir werden wollen. Auf der Matte sind wir alle gleich. Henry muss endlich seine innere Mitte finden. 

Heute heiße ich Viola, aber es gab mal eine Zeit, in der ich Nava Gori hieß. Ich habe lange nicht mehr an die Zeit gedacht, als ich Ordensmitglied bei Hare Krishna war. Zuletzt im Mai 2020. Damals sah ich einen Facebook-Post von Prema, in dem sie die Menschen aufforderte, das Coronavirus mit Liebe zu bekämpfen. Prema war im Ashram in Wellington meine engste Vertraute. Ich erinnere mich gerne daran, wie wir morgens das Hare-Krishna-Mantra zweihundertmal auf die Melodie von “Take Me Tonight” sangen. Danach spürte ich tief in mir, dass Alexander Klaws in einem früheren Leben mein Cousin war. 

Mich überrascht, dass Henry und ich so kurzfristig an Premas begehrtem Yoga-Unterricht teilnehmen dürfen. Sie hatte den Kontakt zu mir abgebrochen, nachdem ich im Ashram meinen Mann kennenlernte und mit ihm gegen die Enthaltsamkeitsregeln verstieß. Aber auch Prema ist mittlerweile kein Ordensmitglied mehr. “Sie haben mein Versteck entdeckt, in dem ich über Jahre BiFi Roll gehortet habe”, gibt sie widerwillig zu. Sie nutzt jetzt wieder ihren bürgerlichen Namen –  Birgit

“Ich spüre sofort, dass du eine wunderschönste Seele hast, Henry. In Neuseeland sagt man ‘you have a beautiful soul'”, flüstert Birgit. “Thank you”, erwidert Henry. Er spricht sonst nie mit Frauen. Unglaublich, dass er bereits nach einer Yoga-Stunde sein Herz-Chakra gestärkt hat. “Was ist Hare Krishna?” Birgit wirft mir einen sehnsüchtigen und gleichzeitig versöhnlichen Blick zu. Ich nicke. Sie legt einen Arm um meinen Sohn und weiht ihn in die Lehren Krishnas ein. In der Nähe muss wohl jemand Zwiebeln schneiden.  

Die Kolumne von Viola Müter erscheint jeden Donnerstag nur bei TITANIC.