Schüchternes Händchenhalten bei der Klassenkaffeefahrt in die Altersherberge, heimliches Hörrohr-„Simsen“ im Treppenlift, Petting im Ohrensessel und auf dem Rollator, dann der erste ungeschützte nacheheliche Intimverkehr im Sauerstoffzelt, während einer Nachtwanderung unter der Rheumadecke: „Wolke Neun“ des deutschen Regisseurs Andreas Tresen bricht radikal mit dem letzten großen Tabu unserer Gesellschaft: der (totgeschwiegenen) Sinneslust unter alten Menschen.

 

„Statt immer nur aufgemotzte Jungmutanten mit Silikonimplantat, die hemmungslos rumpimpern“, so Tresen, „gibt’s endlich ehrliche, alterswaise Erotik, dargebracht von extrem schamlosen Senioren, die höchstens ein Hüftimplantat besitzen bzw. maximal ’ne Beinprothese, mehr aber auch nicht. Mein Film ist sehr emotional: Das erste Herzschrittmacherklopfen, als sich die beiden Spätverliebten gegenseitig körperlich erkunden und sich dabei ihrer Socken- und Stützstrumpfhalter entledigen – wie junge Teenager!“

 

Er habe „einen politisch relevanten Film machen wollen“, so der Regisseur, „so eine Art Mischung aus ‚Alles auf Alterszucker‘, ‚Schaukelstuhlmädchenreport III‘ und ‚Pflegebettman – Die Rückkehr des vorzeitig ergrauten Ritters‘, alles garniert mit Elementen aus ‚9000 ½ Wochen‘, nur jetzt halt mit (Lust-) Greisen in der Hauptrolle. Ich denke mal, es ist mir gelungen, mit meinem Film das allgemeine Schweigen endlich zu brechen und die Menschen ein Stück weit nachdenklicher zu stimmen.“