Anonymer Gastbeitrag  

Mein Name tut hier nichts zur Sache und ja: Ich bin Gaffer. Ich habe die schrecklichen Neuigkeiten gestern von einem Kollegen erfahren. Der sagte mir noch, den Gaffern solle es an den Kragen gehen. Das musste ich mir natürlich unbedingt genauer anschauen und habe mein Handy gezückt. Tatsache: »Feuerwehrverband fordert Führerscheinentzug für Gaffer« stand da. Eine Überschrift wie ein Autounfall – man kann einfach nicht weggucken. Ich muss kreidebleich geworden sein, mein Kollege jedenfalls meinte, ich sähe aus, als hätte ich eine Leiche gesehen. Schön wär’s, dachte ich. Ich sähe aus, sagte er, als würde ich jeden Moment umkippen. Nein, es sei alles in Ordnung, beruhigte ich ihn, falls ich aber doch ohnmächtig werden sollte, solle er mir bitte wenigstens ein Video davon machen.

Was ich sagen will: Nein, ich halte nichts von derlei Populismus. Solche Überlegungen treffen immer nur die Schwächsten der Gesellschaft. In diesem Falle uns Gaffer. Wir haben keine Lobby, nur eine Leidenschaft, die man uns nicht zugestehen möchte. Dabei ist das Gaffen etwas, das zu unserer Kultur, ja zum Menschen dazugehört, seit es Autobahnen gibt. Ist es nicht das Menschlichste überhaupt, neugierig zu sein und sich das Leben mit all seinen Facetten ansehen zu wollen? Mal anzuhalten, statt einfach weiterzufahren, wenn ein Mensch in Schwierigkeiten gerät? Meinen Sie, Jesus hätte einfach die Spur gewechselt und weiter vor sich hinsummend bigFM gehört, während gerade jemand unter einem Alfa Romeo zerdrückt wird? Im Gegenteil: Jesus war immer vor Ort, wenn es Menschen schlecht ging. Er hat immer hingesehen.

Vieles hat sich seither geändert, wenig zum Guten. Das Gaffen ist eine aussterbende Kunst und ich bin einer der Letzten der alten Garde. Richtig gaffen, das will gelernt sein. Wenn die jungen Leute neben mir heute ihre Smartphones zücken, schüttele ich nur mit dem Kopf. Natürlich, ohne die Unfallstelle jemals aus dem Blick zu verlieren. Ich weiß, wie kostbar ein Moment sein kann. Wir wollten uns das Elend damals noch live reinziehen, die Jüngeren heute aber sehen von Anbeginn an alles nur über ihr kleines, schwarzes Kästchen. Dafür habe ich die Videos aus dem Netz und mein Archiv, dafür brauche ich mir nicht den Wagen volltanken und die A5 rauf und runter fahren, in der Hoffnung, dass es kracht. Denn – Obacht, liebe Moralapostel von der Feuerwehr! – das tut es auch ohne mich.

Der Mensch, den Blinker zum ewigen Rastplatz setzt, wäre auch ohne mich ins Jenseits abgebogen. Ich aber leiste ihm Gesellschaft. Ich stehe da wie ein Schutzengel mit Verspätung. Nah bei ihm, begleite ich ihn auf seiner letzten Ausfahrt und nehme alles auf. In mich und mit meiner alten Spiegelreflex. Im Gegensatz zur Autobahnpolizei und so manchem schnippischen Sanitäter urteile ich nicht. Ich genieße. Ich sehe mich nicht als Gaffer, ich bin Katastrophen-Chronist. Mit meinen blutigen Erinnerungen kann ich Bände füllen. Könnte stundenlang erzählen, aber die Menschen verdrängen ihre Sterblichkeit lieber, statt sie sich volle Dröhnung reinzuziehen, die besten Momente zu Hause noch einmal in vergrößertem Maßstab anzusehen und für nach Autobahnen sortierte Alben auf Hochglanzpapier auszudrucken. Deshalb will man uns nun ebenso verdrängen. Ich finde aber, damit macht man es sich zu einfach.

Wegschauen ist keine Lösung.