Epistel für Christel

 

Heute, ach wie wunderbar,

wirst du, liebe Mutter, hundert Jahr!

Immer hast du dich für uns aufgerieben,

bist immer eine gute Mutter geblieben,

ich erinnere nur an die vielen Tracht Prügel,

dafür nahmst du den Kleiderbügel

oder auch das Bügeleisen,

ob zuhause, ob auf Reisen,

wenn du Hektik nicht verdautest,

du’s uns in die Fresse hautest.

Dann begehrten wir fast immer

Einlaß in ein Krankenzimmer,

das ging sechzig Jahre gut,

dann nahmen dich die Bullen unter Obhut,

und der Richter, diese Fascho-Sau,

gab dir vierzig Jahre Bau.

Für uns alle war’s ein Schock,

aber du hast den Frauenblock

dann schnell auf Linie gebracht,

56 Frauen wurden umgebracht,

unter „ungeklärten Umständen“

starben sie unter deinen Würgehänden,

in der Folge hast du raffiniert

den Crackhandel neu organisiert,

wurdest von Ole von Beust

in den Plutoniumschmuggel eingeschleust,

später von Diekmann und Frey

in die Hitler- und Lohnschreiberey,

dann dies Symposion in Herne:

„Literarische Grenzgänger in der Postmoderne“.

Du auf Freigang. Habermas,

der den ganzen Abend auf deinem Schoß saß,

vermittelte dich an Helmut Schmidt,

der, ganz Hanseat, an „Hochwasser“ litt

und sagte, für eine politische Gefälligkeit

deinerseits sei er durchaus bereit,

dich Horst Köhler vorzustellen,

du müssest nur „beider Schniedel pellen“,

wie der untenrum Verrückte

sich ausdrückte,

genug: Deine Autobiographie

erscheint nun bei Kiwi,

Startauflage vier Trillionen

siebenhundertneun Billionen

dreizehnhunderttausendacht,

Arbeitstitel: „Alles richtig gemacht!“

Soweit, liebe Mutter, mein Toast –

prost!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!