Menschen, die mit Meinung ihr Geld verdienen, sind sich einig: Die Meinungsfreiheit in Deutschland ist angeschossen. Noch sind wir Gott sei Dank nicht so weit wie in den USA, wo man öffentlich hingerichtet wird, wenn man öffentliche Hinrichtungen fordert. Haben wir also noch die Chance, der links-grünen Meinungsmacht des Juste Milieus zu widerstehen? Oder werden wir die Wokies bald alle einsperren müssen? Der Free-Speech-Absolutist und leidenschaftliche Debattierclubgründer Corny Kirk ist vielleicht der Letzte, der noch ernsthaft daran glaubt, dass ein Dialog mit der radikalisierten Linken überhaupt möglich ist. Auf der Frankfurter Buchmesse, wo am Besuchertag die Gänge enger sind als die deutschen Meinungskorridore, will er Deutschlands Debattenkultur wiederbeleben. Ein Bericht. Frohgemut baut Corny Kirk am Buchmessenfreitag seinen Stand auf. Mitten auf der Frankfurter Buchmesse, im Hauptquartier der Cancel Culture, tritt der mutige Debattenfreund unter dem Motto »Prove me wrong« am Turning Point Titanic mit vorbeischlendernden Besuchern in den Wettbewerb der Ideen. Auf den Transparenten des jungen Mannes, der wie kein Zweiter an die Kraft des besseren Arguments glaubt, stehen umstrittene Thesen wie »Das neue Buch von Dieter Nuhr ist super!« oder »›Precht‹ ist die beste Sendung im deutschen Fernsehen!«, aber auch allgemein anerkannte Wahrheiten wie »TITANIC war früher besser!« Der Auftakt des Meinungsfreiheitskampfes verläuft denkbar schlecht: »Das ist doch geklaut!« schimpft gleich die erste Passantin. Was genau sie meine? »Na hier, die ganze Aufmachung: Turning Point Titanic! Das ist doch Turning Point USA! Von Charlie Kirk!« Was darf die Satire? Nichts. Wie eng die Schlinge der Denkverbote bereits um die Kehlen der Deutschen liegt, beweist eine weitere Dame, die nicht zum Free-Speech-Stand kommt, sondern sich am Nachbartisch bei TITANIC-Geschäftsführerin Sandra Thoms auslässt: »Was der da macht, ist verwerflich und unmoralisch!« zetert die Besucherin und zeigt auf den Turning Point, wo Corny Kirk gerade ein Schild mit der Aufschrift »Sebastian Fitzek hat nix wronges gemaked!« zur Debatte stellt. Der Versuch, die aufgebrachte Dame mit einem kostenlosen TITANIC-Sticker zu besänftigen, geht schief. »Geigen Sie Ihre Meinung doch ihm, dafür steht er ja da«, rät man ihr schließlich, doch die Frau lehnt ab: »Ich möchte nicht diskutieren!« Es gibt noch viel zu tun. Dann aber doch der erste Debattant: Ein Herr aus Düsseldorf, Typ Maschinenbauer in Karohemd, liest die These »Ulf Poschardt ist der klügste Autor der Buchmesse!« und will wissen, ob der Stand einen parteipolitischen Hintergrund habe. »Nein«, entgegnet ihm Corny Kirk, »ich bin frei! Also … freier Demokrat, FDP-Wähler.« Das habe er sich schon gedacht, beginnt der Rheinländer eine längere Ausführung über den Neoliberalismus, an deren Ende er fragt, ob man es tatsächlich gutheiße, wenn Milliardäre weniger Steuern zahlen als deren Sekretärinnen. »Na ja, das ist halt kreative Steuergestaltung«, hält Corny Kirk dagegen. Die Diskussion bricht ab, denn der Mann bricht aus: »Ach du liebes Lieschen, ›kreative Steuergestaltung‹?! Jetzt muss ich gehen, Sie haben wohl schon ein Bier zu viel«, verabschiedet sich der Mann und zeigt auf die Flasche Helles, die Corny Kirk vor wenigen Sekunden geöffnet hat. Traurig ob des abgebrochenen Gesprächs nimmt der Meinungs-Che-Guevara einen großen Schluck. So ergeht es Andersdenkenden in diesem Land Tag für Tag. Auf dem Tisch prangt jetzt ein Plakat mit der Aufschrift »Kein Deutscher Buchpreis für Schweizerinnen!«. Dorothee Elmiger aus dem Kanton Zürich war am Buchmessenmontag für ihr Werk »Die Holländerinnen« ausgezeichnet worden. Grinsend drücken etliche Gäste im Vorübergehen ihre Zustimmung aus, wagen es jedoch nicht, ihre Meinung offen kundzutun. Nur eine Frauengruppe verweilt. Ob sie anderer Meinung seien?» Ist mir eigentlich egal«, sagt eine. »Egal?! Es geht hier um den Deutschen Buchpreis!« – »Ist mir trotzdem egal«, erklärt eine andere. »Aber Sie sind hier auf der Buchmesse!« – »Ist mir auch egal!« Jeder Joghurt hat mehr Kultur als diese Debatte. Plötzlich aber regt sich zarter Widerspruch: »Das Buch ist ja auf Deutsch«, meint ein Mann ohne Eigenhaar. »Aber es heißt ja nicht ›Deutschsprachiger Buchpreis‹«, erwidert Corny Kirk, »im Fußball geht der Titel ›Deutscher Meister‹ ja auch nicht an die Young Boys Bern.« Dieses Argument kitzelt die Debattenlust des Standbesuchers wach: »Aber welche Nationalität haben denn die Spieler? Es spielen auch viele Schweizer in der Bundesliga!« – »Wer denn?« – »Keine Ahnung!« – »Also gut, Punkt für Sie!« Corny Kirk verliert die Debatte, aber gewinnt einen Freund des Meinungsstreits. Die Buchpreisdebatte gerät in Fahrt. »Kein Deutscher Buchpreis für Schweizerinnen? Meinen Sie das ernst?« erkundigt sich eine Teenagerin. Corny Kirk: »Oh ja! Und schon gar nicht für Schweizerinnen, die über Holländerinnen schreiben!« In diesem Moment springt eine inquisitive Lehrerin heran: »Haben Sie das Buch überhaupt gelesen?« – »Nein! Und Sie?« – »Ich auch nicht!« Ideale Bedingungen für einen Meinungsaustausch. »Aber«, so die Pädagogin, »ich habe vorhin am Stand ein bisschen durchgeblättert.« Und? »Joa, boah … uff!« ächzt sie und stöhnt: »Das ganze Buch ist im Konjunktiv geschrieben!« – »Das könnte ich nicht, müsste ich ja fast mal lesen!« – »Genau, alles im Konjunktiv. Kriegt eine KI aber wahrscheinlich mittlerweile auch hin.« Corny Kirk und die Lehrerin einigen sich darauf, dass der nächste Deutsche Buchpreis vermutlich an ein Large-Language-Model geht. Für weniger Diskussionsfreude sorgen derweil die Plakataufdrucke »Philippinische Literatur wird überschätzt!«, »Gebt Caro Wahl den Nobelpreis!« und »Denis Scheck ist mein Vater!« Vielleicht mutet die menschliche Freisprecheinrichtung Corny Kirk ihrem Land damit auch für den Anfang zu viel zu. »Ich glaub, über philippinische Literatur wird hier niemand mit Ihnen diskutieren – die kennt ja keiner«, spöttelt eine Passantin, die kurzentschlossen auf ihrem Smartphone Fotos vom Ausstellungsraum des diesjährigen Ehrengastlandes Philippinen vorzeigt. »Über die Einrichtung des Saals wurde ja letztes Mal bei den Italienern viel diskutiert«, gemahnt sie an den Faschoprachtbau, den die Meloni-Mafia hier im vergangenen Jahr hingezimmert hatte. Corny Kirk blickt auf die langweiligen Aufnahmen der noch langweiligeren Bücherstände der philippinischen Delegation und wittert die letzte Chance auf einen hitzigen Dialog: »Hm, sieht öde aus. Dann doch lieber Neofaschismus!« Leider entspinnt sich aber kein weiteres Streitgespräch; die Frau gibt ihm recht. Cornelius W. M. Oettle Beitragsnavigation Vorschlag zur Güte #87 Nur für Gäste #7