00 00 Evolution Entgegen meinen Erwartungen werden Silberfischchen-Populationen durch tagelangen »Meister Proper«-Beschuß nur stärker, die einzelnen Mitglieder größer und widerstandsfähiger. Hätte aber funktionieren können! Nicolai Hagedorn WG-Ordnung Mitbewohner, nach dem Spülen: »Die Pfanne ist bratklar.« Zülfükar Tosun Knittervisage Eine Bushaltestelle in Hamburg. Neben mir: Touristinnen, mutmaßlich badischer Provenienz. Gegenüber: ein aus mehreren Einzelteilen bestehendes Riesenplakat mit Max Raabe drauf. Die über seinem Gesicht verlaufenden Schnittkanten sind nicht exakt geklebt und ergänzen so sein eher spärliches mimisches Repertoire um eine gleichermaßen wundervolle wie überraschende Grimasse. Oder, mit den Worten einer der Damen gesprochen: »Isch hab ja scho immer bissi seltsam gefunne, wie deä singt, abba isch hab doch net gewußt, daß deä behinnert is.« David Schaible Buy local! Eben warb im Fernsehen ein Modelabel damit, sein Angebot sei »von Frauen aus der Region« gefertigt. Wäre solch ein nachhaltiger Ansatz nicht auch etwas für den Bio-Straßenstrich? Tina Manske Filmidee »Rain Man 2: Son of Rain Man«. Der Held des Films heißt Raimond und ist ein sogenannter Savant idiotique, ein Autist, der nur so tut, als sei er inselbegabt. Wenn jemand einen Kartenstapel auf den Boden wirft, ruft Raimond: »Viertausendeinhundertneunzig!« Zeigt man ihm zwei beliebige Punkte auf einem Stadtplan, bestimmt Raimond mit ziemlicher Sicherheit die umständlichste Verbindung zwischen diesen Orten. Fragt man ihn, auf welchen Wochentag ein bestimmtes Datum fällt, antwortet er stets mit »Freitag« (und hat damit in einem Siebtel der Fälle recht). Am Ende des Films hat Raimond genug Selbstbewußtsein angehäuft, sich um das Amt des Bürgermeisters zu bewerben, erhält aber nur 0,3% der Stimmen. Mögliche Fortsetzungen: »Rain Man 3: Rain Woman«, »Rain Man in Space«, »Rain Man vs. Mothra« und das Prequel: »Mama läßt das Rauchen nicht«. Torsten Gaitzsch Lernzielkontrolle Um festzustellen, ob ein junger Mensch lebenstüchtig ist oder nicht, muß man ihn in der Schule nicht ausgiebig prüfen; es genügt schon, Folien für eine Präsentation am Tageslichtprojektor auszuteilen. Wenn der Schüler sich dann wundert, daß sein Vortrag mißlingt, weil er auch die Rückseite der Folie beschrieben hat, dann weiß man Bescheid. Tibor Rácskai Die Beuys-Kollektion In der Herrenabteilung waren mir alle Hosen, die auf einem bestimmten Ständer hingen, viel zu weit. Dann erst bemerkte ich, wo ich mich befand: in der Fettecke. Martin Neugebauer Wundersame Wetterphänomene Draußen begann der angekündigte Eisregen. »Schau mal, Schatz«, rief meine Frau aus dem Wohnzimmer, »wie schön der Regen an der Fensterscheibe gefriert!« Während ich das sich ständig verändernde Kunstwerk aus dünnen Eisschichten betrachtete, rief meine Frau erneut, diesmal aus der Küche. »Komm schnell!«, und sie zeigte auf das Küchenfenster: »Hier sieht es genauso aus!« Ich weiß nicht warum, aber ich mußte in diesem Moment einfach mit »Wahnsinn, sogar in der Küche!« antworten. Nils Pooker Traurig ist’s, wenn man die erste Geburtstagsmail von spirituosen-superbillig.de bekommt; noch trauriger, wenn es die einzige bleibt. Aber immerhin weiß man dann, worin man Trost findet. Tim Wolff (jetzt 35) Für leicht befunden Um sowohl meine kulturell interessierten als auch die eher materiell orientierten Freunde zu beeindrucken, kaufe ich fortan für jedes Buch einen eigenen E-Reader. Und auch für Reisen eignen sich die Dinger: Fünf E-Reader sind schließlich ein gutes Stück leichter als fünf Romane. Dirk Haubrichs Fröhliche Hundegeschichten (XIX) Stellt die Mona Lisa in Wahrheit einen Hund dar? International renommierte Seriös-Wissenschaftler stellen alles auf den Kopf, was man bisher über das schönste Gemälde der Weltgeschichte zu glauben meinte. Auf die Schliche gekommen waren sie Rätselkönig da Vinci über ein feines Hundehaar, das in der Kinn-Patina der Lächeldame steckte. Hatten frühere Studien das Haar mit Leonardos Vorliebe für Dackelhaarpinsel erklärt, konnten Kleinkunsthistoriker der Universität Malibu nun mittels moderner Röntgenendoskope in die über vierzig Schichten der Leinwand eindringen. Sie fanden: eine Bleistiftskizze; eine übermalte Fassung, die Mona Lisa als Mann zeigt (Mono Lisa); eine Art Makramee; einen Illuminaten-Mitgliedsausweis; eine Einkaufsliste über zwei Äpfel und einen Hubschrauberrotor (in Spiegelschrift); mehrere Dutzend antike Wandgemälde; eine bronzezeitliche Siedlung mit eigenem Ziehbrunnen; ein paar eher lieblos hingerotzte Penisstudien; die Nordwand des Bernsteinzimmers; ein Herz aus aufgeklebten Nudeln – und schließlich ein vier Meter hohes Kolossalgemälde, das einen Berner Sennenhund zeigt, der über den Tischrand hinweg lieb auf ein Würstchen hinabguckt. So blickt uns die Mona Lisa heute aus treuen Hundeaugen an, während ihre Hände von unappetitlichen Wurstfingern entstellt werden. Warum hat da Vinci dieses Bild übermalt? Möglicherweise fürchtete er politische Verwicklungen: Stand der Berner Sennenhund doch symbolisch für Florenz, wohingegen das Würstchen das Wappentier der Herzöge von Modena war. Andere Wissenschaftler meinen, da Vincis Homosexualität sei mal wieder mit ihm durchgegangen, und er habe das Bild aus reiner Tuntenhaftigkeit zerstört. Wem aber gehörte der Hund? Bis diese Frage beantwortet ist, wird wohl noch viel Röntgenstrahlung durch die Mona Lisa fließen. Leo Fischer Fast gemischtes Doppel Nennt man einen weiblichen Fliesenleger eigentlich Flieseuse? Und eine männliche Friseuse entsprechend: Frisenleger? Frederik Moche Respekt Daß Menschen mit dunkler Haut ganz anders, nämlich strenger behandelt werden müssen – das, behauptet die Großmutter, sei ihr bei einer Anekdote klar geworden, die ihr Bruder Otto einmal erzählt habe. Als Mitglied des diplomatischen Corps habe er den damaligen Bundespräsidenten nach Togo begleitet. Als Herr Lübke einige Vertreter der dortigen Bevölkerung gefragt habe, ob sie noch ein paar Brocken Deutsch sprechen würden, sei ein alter Mann vorgetreten und habe gesagt: »Jawohl. Steh stramm, du Schwein!« Da habe der Bundespräsident diesem Mann freundlich die Hand geschüttelt. Ludger Fischer Falsche Freundin Der Unterschied zwischen dem deutschen Wort »prägnant« und dem englischen »pregnant« prägt sich am besten ein, wenn man von einer Britin mit einem komischen Hut und einem überaus markanten Kinn auf Unterhalt verklagt wird. Benjamin Bäder Office at Morning Mein Bildschirmhintergrund stellt Edward Hoppers »Office at Night« dar. Einmal, während mein PC in aller Beamtenruhe seine Funktionen aktivierte, betrachtete ich die gemalte Büroszene genauer: Das überdimensionierte Trinkglas auf der Schreibmaschinentastatur in der linken unteren Ecke hätte eigentlich umkippen müssen. Hatte sich der sonst so akkurate Hopper einen Fehler oder Scherz erlaubt? Das Rätsel löste sich, als ich zufällig mit dem Mauszeiger über das Glas fuhr. Jetzt steht der Papierkorb in der rechten unteren Bildecke neben dem Schreibtisch, wo er hingehört. Jonny Rieder Cineastischer Alptraum Als ein Freund überlegte, wie wohl eine von Quentin Tarantino gedrehte Hommage an den Stummfilm aussehen könnte, antwortete ich, daß das mein erster Kinobesuch mit Lesebrille werden würde – der brillanten Dialoge wegen. Karsten Wollny WG-Küchen-Dialog »Im Baumarkt gibt es einen Sammelbehälter für Energiesparlampen. Nachher bringe ich meine hin. Hat einer von euch auch welche?« »Ja, aber die funktionieren noch.« »Ach, was du heute kannst entsorgen …« Katharina Greve Immunität Zum Thema »Anschauen beim Anstoßen« bzw. was droht, wenn man sich beim Zuprosten nicht in die Augen blickt (sieben Jahre schlechter Sex o.ä.) blökte bei solchem Anlaß eine seit rund zehn Jahren verheiratete Dame fröhlich in Richtung ihres Mannes: »Da kann uns ja nichts passieren, das haben wir schon hinter uns.« Auch bei matter Beleuchtung waren die jähe Erstarrung seiner Gesichtszüge und deren flotte Verfärbung nicht zu übersehen. Christof Goddemeier Beamen hilft Auf dem Heimweg vom Flughafen, nach zwanzigstündiger Reise: Im Radio des Taxis erzählt der Moderator etwas über Hippokrates und die alten Assyrer, der Taxifahrer hingegen spricht davon, daß es Zeit werde, endlich das Beamen zu erfinden. Er wäre dann zwar arbeitslos, aber das Beamen hätte doch ganz entscheidende Vorteile für die Gesundheit im allgemeinen: Denn während man teleportiert werde, sei man ja für einen kurzen Zeitraum reines Datenmaterial; es sollte doch in dieser Zeit möglich sein, alle Krankheiten aus dem Körper zu entfernen. Wir haben uns darauf geeinigt, das System unter dem Namen »Virenscanner« patentieren zu lassen. Bernd Langhans Generation Spaß Mit Früchtetee verbinde ich schon lange nichts als Widerwillen. Jetzt habe ich’s noch mal gewagt und stelle fest: Früchtetee ist lecker! Das Leben wird nie langweilig. Tina Hildebrand Die Kunst des Herauswindens Ziemlich unmöglich macht man sich bei seinen kulturell interessierten Freunden, wenn man nach dem Besuch einer Ausstellung für Moderne Kunst auf die Bitte nach einer Einordnung des Gebotenen bloß »Hauptsache gesund!« erwidert. Nikolai Thom Ausschreibung Meinen Körper möchte ich nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Am liebsten der Wirtschaftswissenschaft – die zahlt vermutlich am besten und zieht ihn gewiß endlich einmal ordentlich an! Mark-Stefan Tietze Beitragsnavigation Briefe an die Leser | Februar 2013 Februar 2013