00 00 Animalisch Beim ersten Besuch eines Pornokinos im Alter von 16 Jahren fiel ich unangenehm auf: Während rings um mich die höheren Semester verkrampft an ihren Hosen nestelten, mußte ich sehr lachen, als im Film der unvermeidliche Satz fiel: »Gib mir Tiernamen« – hatten das meine Vorfahren doch bei mir schon längst erledigt. Theobald Fuchs Verweigert Bevor ich in der Bäckerei Wörter wie »Knacki«, »Krusti« oder »Zimt-Wuppi« über die Lippen bringe, nehme ich doch lieber in Kauf, daß mich die Verkäuferin für leicht zurückgeblieben hält, wenn ich mit dem Finger auf die gewünschten Brötchen zeige und sage: »Drei von denen da.« Steffen Brück Haushaltstip für Fernsehmacher Für Inhaltslöcher in Realityshows, die sich mit Promi-Friseuren nicht mehr stopfen lassen, einfach Promi-Putzfrauen nehmen. Erich Klepptenberger Bühnenolfaktorik Altstadtgastronomie. Am Nebentisch eine erboste Dame, hektisch über ihre Stimmbänder stolpernd: »Das Mainzer Theater stinkt endgültig!« Was wurde wohl gegeben? Gammlet? Arturo Pfui? Emilia Garlicotti? Ich denke, ich werde bald noch mal reinschnuppern. Jens Peter Gust Steckenpferd 2.0 Wer das Aufschreiben von Falschparkern nicht mehr als zeitgemäß empfindet, dem sei ein erfüllendes Hobby im Bereich der Neuen Medien empfohlen. Scharfsinn und Ausdauer werden ganz spielerisch geübt, wenn man auf www.zeit-online.de jene Leserkommentare, die Kommafehler enthalten, als »bedenklich« meldet. An einem glücklichen Abend kommt der tüchtige Denksportler auf gut und gern 50 Meldungen. Michael Bastian Weiß In der Apotheke Ein Herr aus einfachen Verhältnissen, sehr verlegen, beugt sich so weit es geht über den Tresen, um nicht so laut sprechen zu müssen, die Angestellte weicht professionell zurück. Kunde: »Ja wie sag ich’s jetzt am besten, ähem… ich, meine Krankheit… also dieses Wort ist mir ein bißchen unangenehm, ich möchte es nicht laut aussprechen, Sie verstehen? Also was ich habe, es ist… ich umschreibe das jetzt mal, ja: so wie dicke Krampfadern, ja, aber im Arschloch drinne.« Felix Jentsch Kein Kommentar – bitte! Bisweilen kommen Gastgeber auf die Idee, ihren Gästen zu passender Gelegenheit einen Schnaps anzubieten. Immer wieder mußte ich in derartigen Situationen feststellen, daß, unabhängig davon, wie übel der hochprozentige Haustrunk auch schmecken mag, sich immer irgendeiner zu einem »Huh, der ist aber gut!« hinreißen läßt – was den Spender in der Regel animiert, einige weitere Runden des Gesöffs auszuschenken. Ein ähnliches Phänomen bemerkte ich in letzter Zeit, wenn in geselliger Runde jemand auf das Buch von Thilo Sarrazin zu sprechen kam und trotz allseitiger Bemühungen um einen schnellen Themenwechsel stets irgendein Depp sich ein »Aber so ganz unrecht hat er ja nicht!« nicht verkneifen konnte. Josef Brinkmann Besichtigung der eigenen Wohnung Bei praktisch jedem meiner Möbelstücke handelt es sich um das Ikea-Modell »Rom«. Will sagen: wurde nicht an einem Tag erbaut. Mark-Stefan Tietze Ehrgeiz Klare Ziele setzen sei sehr wichtig, heißt es immer wieder. Mein Ziel ist es, das Wort Müßiggang in zwölf Sprachen zu lernen. Dirk Warnke Ansehen durch Wissensvorsprung Was wurden wir gemieden, verachtet und mit angewiderten Blicken bedacht, als unsere Kinder in Schule und Kindergarten als erste Läuse hatten. Aber was wurden wir hofiert, besucht und mit kleinen Aufmerksamkeiten überschüttet, als wir dann, nachdem es bei den Blagen der anderen Eltern auch überall krabbelte und juckte, die anerkanntermaßen besten Experten in Nissenfinden und Kopfwäsche waren! Rolf Karez Frühlingsgefühle Mit meinem Bruder die erste Frühlingssonne genossen. Auf dem Platz vor dem Café ein einzelner Baum, um den der Hund meines Bruders emsig herumschnüffelt. Ich sage: »Kuck mal, der liest Zeitung.« Mein Bruder: »Nee, die sind jetzt alle läufig, der kuckt Pornos!« Ulf Wentzien Al dente Marmorbohnen serviert man am besten zu Lasagne aus Hartweizengrieß. Michael Höfler Wie die Agenturen melden Heute mittag hat die Ratingagentur Spanien herabgestuft. Seltsam: Nur eine Stunde zuvor hat mir die Reiseagentur ausgerechnet Spanien empfohlen! Ruedi Widmer Durchgefallen Ein Formular in meinem Briefkasten teilte mir Folgendes mit: Sie parkten im Halteverbotim eingeschränkten Halteverbotohne Parkscheinmit abgelaufener Parkzeit auf dem Gehweg auf einem Parkplatz für Behindertean einem Taxistand gegen die Fahrtrichtungohne Warnmaßnahmenin einer Fußgängerzoneweniger als fünf Meter vor einer Kreuzungauf einer Grünfläche War stolz darauf, was für ein übler Finger ich doch bei Bedarf sein kann. Es stellte sich aber dann heraus: Der Zettel war leider zum Ankreuzen, und ich habe nur zwei von zwölf möglichen Punkten erreicht. Torsten Wolff Hinweis für Reisende Den schlimmsten Gardinengeschmack haben übrigens die Bootskapitäne, noch vor Wohnwagenprostituierten und Gartenlauben-Unabombern. Die schlimmsten Seifen hingegen finden sich in privat geführten Frühstückspensionen, sind »biological«, bestehen aus Olivenextrakten und machen, daß man wie ein Nudelgericht riecht. Leo Fischer Schlüssig Während meiner Drogentherapie, in deren Rahmen ich u.a. feststellen durfte, daß speziell jene Mitpatienten, die sich besonders stark für das Rauchen von Crystal Meth interessierten, häufig unter dentalen Beschwerden litten, wurde mir klar, warum der Volksmund sagt: Wo gekokelt wird, da fallen Zähne. Gaston Latz Fest und faserig So sind sie, die Tintenfische. Man kann mit Fug und Recht sagen: die Kokosnüsse unter den Fischen. Kenner wissen, was ich meine. Und alle anderen sollen einander bei Lachs und Pistazien langweilen und um zehn ins Bett gehen. Schwächlinge! Anna Leuschner Auf den i-Punkt gebracht An der Rezeption einer Wiener Jugendherberge. Ein Lehrer will die Schlüssel für seine Schulgruppe abholen und ist sichtlich genervt von der Trägheit der Rezeptionistin. Lehrer: »Geht das nicht schneller? Meine Zeit ist köstlich.«Rezeptionistin: »Kostbar. Meine Zeit ist kostbar heißt das.«Lehrer: »Jaja. Sie sind aber auch ein Ü-Tüpfelchen-Reiter.« Jürgen Marschal Tücken des Fortschritts Wohin schlägt man eigentlich bei einem Flachbildfernseher, wenn das Bild mal gestört ist? Maximilian Dittrich Einfacher Weg Kürzlich im Fitneßstudio von meinem Trainer aus Gründen der Gewichtskontrolle den Vorschlag bekommen, doch zwanzig Minuten auf dem Crosstrainer treppenzusteigen. Einige Tage später im Vollrausch für den Weg von der Haustüre zu meiner Wohnung im fünften Stock ebenso lange gebraucht. Seither schon öfter das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Moses Wolff Brandenburg ist relativ Im Zug von Berlin nach Dresden teile ich mein Abteil mit zwei Ehepaaren aus dem fernen Westdeutschland, die sich bereits auf dem Weg in die Hauptstadt kennengelernt haben. Obwohl es ein leichtes Bildungsgefälle zwischen den beiden Paaren gibt (»Nein, solche Sendungen sehen wir nicht!«) unterhalten sie sich angeregt – die Fremde schweißt zusammen. In einer Gesprächspause starren alle gedankenverloren auf das vorbeiziehende, vorfrühlingshaft graue Brandenburg. Frau 1: »Das ist aber trostlos hier!« Frau 2: »Nein, das ist Landschaft.« Katharina Greve Nutzloses Fundstück In meiner Einfahrt steht ein Kratzbaum und niemanden juckt es. Aleksandar Jožvaj Begrenzte Ressourcen Alle Materie ist etwa 13 Milliarden Jahre alt und das Ergebnis fortwährender Synthese. Da Denken ein biochemischer Vorgang ist, benötigt man dafür Ausgangsstoffe. Die Anzahl der im Weltall vorhandenen Teilchen ist zwar sehr hoch, aber auch begrenzt, daher muß die Anzahl ihrer Kombinationsmöglichkeiten und somit die der möglichen Gedanken ebenfalls begrenzt sein. Die meisten Teilchen des Universums sind bereits in anderen Galaxien verbacken, und selbst die auf diesem Planeten scheinbar reichlich verfügbare Materie ist irgendwo als Kontinentalplatte, als Karpfen oder Kolibri unterwegs. Ein weitaus kleinerer Teil ist gerade in den Hirnen anderer Menschen damit beschäftigt, ein künftiger Bestseller zu werden oder Welträtsel zu lösen. Für die meisten unter uns bleiben also nur wenige Quanten oder Quarks oder so was übrig, aus denen sich offenbar nur einfach strukturierte Gedanken bilden lassen, wie z.B. »Noch ’n Bier bitte!«, »Die Renten sind sicher!« oder »Ficki ficki«. Tibor Rácskai Haarrisse Manch teure Überprüfung eines Hauses auf Einsturzgefahr erweist sich als überflüssig, wenn sich die scheinbaren Risse in den Wänden bei genauem Hinsehen als Spinnenfäden herausstellen. Ludger Fischer Ansichtssache Gespräch in der U-Bahn zur Uni. Sie: »Ich hab als Referatsthema ›Geschlechtsunterschiede bei Intelligenz und Hochbegabung‹.«Er: »Das kannst du doch gar nicht beurteilen.« Sara Hakemi Schule des Lebens Gegen Ende jeder Beziehung werde ich vorwurfsvoll gefragt, warum mir denn verflixt noch mal das Zerstören so einen kindischen Spaß mache, warum sich alles immer bitteschön nur um mich zu drehen habe und warum ich so ein beschissener Egoist sei, dem die Gefühle anderer schnurzegal sind. Schließlich sei ich als Akademiker ja nicht gerade zu blöde, die Regeln des Zusammenlebens zu verstehen, und außerdem alt und erfahren genug, begangene Fehler nicht zwanghaft wiederholen zu müssen. Die Antwort lautet: Ich trenne eben gerne Erlerntes von Privatem. Thomas Tonn Bittere Einsicht Ist es, um politisch mal ganz inkorrekt zu werden, nicht bemerkenswert, daß gerade die schwarze die Herren- unter den Schokoladen ist? Fabian Schneider Beitragsnavigation Briefe an die Leser | Juni 2011 Juni 2011