Es ist ein Großereignis, wie es vielleicht nur alle ein bis zwei Jahre einmal vorkommt: Kendrick Lamar bringt ein neues Album heraus – und die Welt steht Kopf. Nachdem sich langsam wieder alles gesetzt hat, wird es Zeit, das Werk zu begutachten. Die neue Langspielplatte »gnx« ( nach dem gleichnamigen E-Mail-Provider) wurde ohne jede Vorankündigung veröffentlicht und ist mit zwölf Titeln angenehm kurz geraten. Doch Kendrick Lamar wäre nicht Kenschi himself, wenn die es nicht z. T. ganz schön in sich hätten. Hat er das Meisterwerk geliefert, das niemand erwartet hat, aber alle von ihm erwartet haben? Schauen wir uns die Lieder in der Einzelwertung an. 1. Düsteres Gewummer à la Hans Zimmer leitet wacced out murals ein. Dann rappt Lamar los, und macht unmissverständlich klar, dass derzeit kaum jemand den Sprechgesang besser beherrscht als er. Silbe für Silbe, Wort für Wort fallen ihm aus dem »Gehege seiner Zähne« (Heinz Erhardt). Inhaltlich greift der Comptoner Edelreimer den Faden wieder auf, den er beim Beef mit Drake fallengelassen hat: Es geht um ein Graffito Kendrick Lamars, das von einem Anhänger Drakes mit den Buchstaben »SEX« übermalt wurde. Lamar ist unglaublich sauer auf Drake, dass der seine Fans nicht besser im Griff hat. Aber mal ehrlich: Soll der eine Schmierfink sich wundern, wenn ein anderer ihm in den Vorgarten macht? Wertung: 5/10 Sprühdosen 2. »Woke up lookin’ for the broccoli«, lautet die erste Zeile in squabble up. Übersetzt: »Ich erwachte Brokkoli suchend.« Den Hausarzt mag es erfreuen, dass sein Patient bereits zum Frühstück Gemüse verzehrt, mag man denken, was jedoch ficht es uns an? Ernährung ist, Stand 2025, immer noch Privatsache, auch wenn die grüne DDR-Regierung im Bundestag das gerne ändern würde. Aber wie so oft in seinen Liedern erweitert Lamar die private Perspektive um eine gesamtgesellschaftliche, indem er eine Parallele zwischen dem Illuminaten-Dreieck auf der Dollarnote und der Ernährungspyramide zieht. Gemüse, so sein Fazit, gehört in jeden Topf. Wertung: 23/42 Spinatpackungen 3. Statt »es zu nageln«, wie der Titel nahelegen könnte, trällert Kendrick Lamar auf luther los, als glaubte er, sich in eine Nachtigall verwandelt zu haben. Die Musik mäandert seichter dahin als Lieder auf einem evangelischen Kirchentag, und als wäre das alles nicht schlimm genug, singt auch noch eine Künstlerin mit dem unaussprechlichen Namen Sza mit Lamar im Duett. Um Luther, Grundfragen der protestantischen Theologie oder wenigstens philologische Betrachtungen zur Bibelübersetzung ins Deutsche geht es trotz des Titels an keiner Stelle. Wertung: 0/95 Thesen 4. Von Lamars grünem Daumen wissen wir nicht erst seit seiner Liebeserklärung an den Brokkoli. Wie Szene-Insider berichten, betreibt Lamar eine ambitionierte Marihuanazucht mit einem Erntevolumen von fünfzig Tonnen jährlich – angeblich nur zum Eigenbedarf. In man at the garden zählt Herr Lamar nun all die Dinge auf, die ihm durch die wundersame »medikamentöse Heilwirkung« des Ganjas angeblich zustehen, darunter emotionale Stabilität und Ruhe, aber auch Autos, Investments und ein Flugzeugabsturz über einer einsamen Insel. Wie er diese Wünsche allein durch Drogenkonsum realisieren möchte? Dazu gibt es in diesem Lied nur geheimnisvolles Schweigen und eine Telefonnummer, über die man einen »spirituellen Ratgeber für 15 Dollar pro Gramm« bestellen kann. Leider scheint bei der Telefonnummer ein Zahlendreher unterlaufen zu sein, denn es meldet sich die US-Polizei. Schwach! Wertung: 4/20 Rauchwölkchen 5. Die Aufnahmen für hey now entstanden in einer Schreinerei voller Spatzen, um die Klangmischung aus Gesäge und Gezwitscher authentisch einfangen zu können. Dazu macht ein Schlagzeuger Krach, dass es eine Lust ist. Inhaltlich ist das Lied ist ein klassischer »Representer«. Heißt: Es geht um alles, was Kendrick irgendwie großartig erscheinen lassen könnte. So behauptet er etwa, Zeus zu sein und eine Ziege erdrosselt zu haben; des Weiteren gibt er mit einem zwölftägigen Streak beim Japanischlernen auf Duolingo an. Nun denn, der Mann scheint es nötig zu haben. Lyrischen Beistand erhält Lamar auf diesem Track von einem Dody6, der wohl ebenfalls gerne rappt. Beide können mit flockigen Flows überzeugen, Abzüge gibt es jedoch für den sinnentleerten Text à la Samy Deluxe. Wertung: 3/4 4/4-Takte 6. Während über Lamars Bedeutung für die Rapmusik noch gestritten wird, ist ihm ein Platz in der Philosophiegeschichte längst gewiss – auch deshalb, weil die meisten Philosophen große Probleme mit Delivery und Style hatten. Mit reincarnated befindet sich auf nun ein weiteres Hauptwerk gerappter Gedankengebäude auf Schallplatte. Vorgetragen mit der Intonation eines wütenden Gartenzwergs synthetisiert Lamar die Wiedergeburtslehre mit Hegels jüngst experimentell bestätigter Theorie vom Multiversum und verschweißt das Ganze durch Klaviergedudel vom Kassettenspieler zu einer intellektuellen Gesamtkomposition. Dass Lamar sich nebenher aus der Sicht von Billie Holiday über die Heroinsucht seines Vaters lustig macht, ist nicht ohne Geschmäckle, aber immerhin unterhaltsam. So viele Perspektivwechsel hatte bislang nur Rapkollege MC Escher zu bieten. Wertung: π/π Daumen 7. Hatte er das Album noch mit einem Diss gegen Drake begonnen, erweist Kendrick Lamar in tv off seinem großen Sprechgesang-Vorbild Peter Lustig mit einer Referenz die Reverenz: Leidenschaftlich wirbt er für das Abschalten der Flimmerkiste, auf dass niemand viereckige Augen bekomme. Was bei einem audiovisuellen Künstler wie Lustig gut funktioniert, verliert bei Klang-Artist Lamar jedoch die Ironie. Analog zur Schlusssequenz in »Löwenzahn« hätte Lamar fordern müssen, die Hifi-Anlage abzudrehen, doch dazu fehlt ihm anscheinend der Mumm. Wertung: 1/2 Powerknöpfen 8. Erneut trällert Lamar los, doch diesmal vergreift er sich nicht im Ton. Im Verbund mit seinen Homies Wallie The Sensai, Siete7x und Roddy Ricch singt er auf dodger blue vom Leben in L. A. und den großartigen Möglichkeiten im »land of the free«, die da wären: Rumballern und den Crip-Walk tanzen. Dieser spezielle Tanz wird bei der Gang »Crips« aufgeführt, wenn ein Mitglied der verfeindeten Gang »Bloods« umgebracht wurde oder auf andere Weise ums Leben gekommen ist. Makaber, aber das ist realrap realer Rap, auch wenn er – wie in diesem Fall – gar nicht gerappt ist. Dem Gangstersound tut das keinen Abbruch, man bekommt sofort Lust, in einen Lowrider zu steigen und per Drive-by ein paar Corners zu hitten, am besten mit möglichst vielen unschuldigen Opfern. Wertung: 30/30 Patronen 9. Klanglich geht Lamar auf »gnx« neue Wege. Federführender Produzent war mit Jack Antonoff der langjährige Produzent von Taylor Swift. Auf peekaboo wird das besonders deutlich: Zu bonbonbunten Popklängen versucht Lamar sich an einer Synthese von Pop für Minderjährige und Gangsterrap. Jede Zeile beginnt dabei mit »Peekaboo« (der englischen Version des Kuckuck-Spiels) und endet mit einer Gewaltphantasie. Frei übersetzt etwa: »Kuckuck, ich schieß dir ins Knie,/Kuckuck, ich überfahre dich mit einem Lamborghini,/Kuckuck, ich schieß dir in die Schultern,/Kuckuck, ich ermorde deine Eltern« usw. Es darf bezweifelt werden, dass dieses Lied in vielen amerikanischen Kinderzimmern in Dauerschleife wird laufen dürfen. Wertung: 2,5/7 Barbieköpfe 10. Um seine Fans der ersten Stunde nach dem vorhergehenden Kommerz-Exzess wieder zu versöhnen, stimmt Lamar das wunderbar lahmarschige heart pt. 6 an. Auf dem träge schleppenden Kopfnickerbeat frisch aus der Golden Era of Hip-Hop beschwört der Master of Ceremony die gute alte Zeit mit seiner Crew: Sie rappten den ganzen Tag im Schlamm, und wenn sie abends mit aufgeschlagenen Knien nach Hause kamen, klebte ihre Mama ihnen Fentanylpflaster auf und schickte sie mit einem warmen Bier ins Bett. Auf langen Autofahrten rauchten die Eltern unentwegt Crack, und der Eintritt ins Kino kostete den Kassierer die Nase. Großartiger Nostalgiekitsch für angehende Boomer. Wertung: 4/5 Raider 11. Lamar, Lamar und immer wieder Lamar – das ist das Erfolgsrezept einer Soloplatte von Kendrick Lamar. Dass es ihn für dieses Konzept unbedingt braucht, stellt Lamar auf dem Titeltrack gnx unter Beweis. Nach wenigen gerappten Zeilen überlässt er seinen drei besten Freunden Hitta J3, YoungThreat und Peysoh das Feld, um auch ihnen einmal die Möglichkeit zu geben, sich vor großem Publikum zu präsentieren. Das ist sicher lieb gemeint, geht aber nicht gut. So ist Hitta J3 im richtigen Leben Automechaniker und Familienvater und hatte nach eigenen Angaben zuvor noch nie ein Mikrofon in der Hand. YoungThreat studiert Englisch und Philosophie auf Lehramt und kocht gerne mit der WG – seine Erfahrungen im Hip-Hop beschränkten sich bislang darauf, unter der Dusche zu beatboxen. Und Peysoh schließlich war in den 90ern kurzzeitig in einer erfolglosen Rap-Formation namens Style Kings aktiv, hatte jedoch noch nie zuvor ein Studio von innen gesehen. Hörenswert ist der Track dennoch, falls einem Guantanamo zu langwierig oder zu weit entfernt erscheint. Wertung: 10/10 Rasierklingen 12. Zum Abschluss gibt es noch einmal eine große Überraschung: gloria ist ein Liebeslied. Damit stellt Kendrick Lamar nicht nur performativ die These auf, dass selbst Rapper Gefühle haben können, er untermauert auch seinen Ruf als Künstler für Collegestudent*innen und Professor*innen. Im intertextuellen Spannungsfeld von Gangstersang und Minnerap schließt Lamar an die mittelalterliche Tradition des lyrischen Werbens um seine Auserwählte an. Er präsentiert sich ihr als moderner Mann, der wie selbstverständlich im Haushalt mithilft, wenn sie als »Bitch« gerade ihre Tage hat. Das ist durchaus als Seitenhieb gegen Erzfeind Drake zu verstehen, dem Lamar im vergangenen Sommer ein patriarchales Geschlechterverständnis vorgeworfen hatte. Um zu zeigen, dass er es ernst meint, darf auch Sza wieder mitsingen, von der Lamar als »ehrliche Haut« und »dufter Kumpel« gelobt wird. Wertung: 6/9 Medaillen für Feminismus Fazit: Kendrick Lamar hat es wieder geschafft, dass einem die Ohren wehtun. Dem hohen Erwartungsdruck nach seinem Sieg im Elfmeterrappen gegen Drake ist Comptons Vorzeige-Hip-Hopper damit gerecht geworden. Ob die Platte ein Klassiker wird, bleibt abzuwarten. Jack Antonoff hatte die Beats von »gnx« ursprünglich für Taylor Swift produziert, und das hört man leider. Die Idee dahinter, »Swifties« zu »Kelamaris« zu machen, scheint jedoch zum Scheitern verurteilt, so sehr Kendrick Lamar sich auch um ein wokes Image bemüht. 37 Jahre Gang-Vergangenheit lassen sich nicht so einfach abschütteln. Umgekehrt sollte Lamar Acht geben, seine Street-Credibility nicht ohne Not zu verspielen. Seit P. Diddy vergangenes Jahr überraschend den Titel als King of Rap abgeben musste, ist die Krone vakant. Lamar hat gute Chancen, sein Nachfolger auf dem Thron zu werden – aber nur, wenn er sich nicht zu sehr dem Mainstream anbiedert. Auf »gnx« gelingt der Spagat zwischen Ghetto und Glamour nur teilweise. Gesamtwertung: 9/10 Zerrungen im Schritt Valentin Witt Beitragsnavigation Bye Bye, Polizei! Das sind die Inkognito-Namen der Politiker