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Redaktion und Verlag der TITANIC trauern um ihren Mitbegründer Hans Traxler. Er war ein Jahrhundertkünstler – und neben seinem Freund und Kollegen Chlodwig Poth der einzige Mensch auf dieser Welt, der gleich zwei Satiremagazine mitbegründete: 1962 »Pardon« und 1979 die TITANIC.

Als Doyen der Neuen Frankfurter Schule war Traxler in allen menschlich möglichen Disziplinen unterwegs, um dem Dasein ein Lachen abzuringen: als Zeichner, Cartoonist, Maler, Dichter, Autor, Musiker und Darsteller. Er setzt Maßstäbe der komischen Kunst: Mit seinem Wissenschaftsprank »Die Wahrheit über Hänsel und Gretel« präsentiert er 1962 in Gestalt des Studienrats und Laienarchäologen Georg Ossegg die angeblichen Ausgrabungsfunde des historischen Hexenhauses im Spessart, inklusive Lebkuchenresten und vergilbter Pfefferkuchenrezepte – und sorgt damit für weltweites Aufsehen. Das Buch erreicht dreißig Auflagen. Schulklassen aus Dänemark reisen an, um im Spessart weiter zu buddeln, die Universität von Nagano will das Buch als Lizenzausgabe nachdrucken und reagiert empört, als man ihr erklärt, dass sie einem Jux von Hans Traxler aufgesessen ist.

Selbstlos half Hans Traxler unbeholfenen Provinzpolitikern an die Spitze. Zusammen mit seinem Freund, Kollegen und Co-Gründer Peter Knorr entwickelt er, noch bevor sich ein gewisser Helmut Kohl 1982 an die Macht putschen kann, die Figur der »Birne« – und erfand damit den eigentlichen Markenkern des Pfälzer Politikers.

Für die TITANIC schuf Traxler Cartoons, Bildgeschichten und Titelblätter, nebenher versorgte er sämtliche großen Tages- und Wochenzeitungen mit Cartoons und Bildgedichten, deren leichtfüßiger Witz, fein dosierte komische Absurdität und die unnachahmlich elegante klare Linie schnell zu seinen Markenzeichen wurden. Er hauchte der Leuchtgans Paula Leben ein und schickte Gummibärchen über den großen Teich, wo sie als »The Life and Times of Gummy Bears« erschienen – damit gehört Hans Traxler zu der knappen Handvoll deutscher Cartoonisten, die auch in den USA veröffentlichten.

Geboren 1929 im böhmischen Dorf Herrlich, gibt er schon mit fünf Jahren seine eigene Cartoonzeitschrift heraus. Krieg und Vertreibung bringen ihn über Regensburg an den Main nach Frankfurt. Mit achtzehn Jahren verkauft er seine erste Zeichnung und illustriert Kurzgeschichten, an der Städelschule studiert er Freie Malerei, für den Lebensunterhalt produziert er stapelweise Cartoons. Schließlich lernt er den jungen Cartoonisten Chlodwig Poth kennen und die Verleger Bärmeier & Nikel – der Rest ist deutsche Satiregeschichte.

Zwei Magazingründungen später begann die tagesaktuelle Politik, ihn mehr und mehr zu langweilen, viel lieber zog er mit den Freunden Bernd Pfarr und Volker Reiche samt Staffelei ins Grüne und malte. Doch die Zeichenfeder blieb niemals liegen, bis zuletzt perfektionierte er seine an Hergé geschulte »ligne claire«.

Allein in seinen Neunzigern schrieb, zeichnete und illustrierte der Mann aus Herrlich mehr Bücher als viele andere in ihrem ganzen Leben. Die Unsterblichkeit hat er sich über eine nahezu ein Jahrhundert anhaltende kreative und komische Produktivität längst gesichert – allein schon mit seinem legendären Ich-Denkmal, das heute jede und jeder am Frankfurter Mainufer besteigen kann. Steigt auf, ihr Menschen, und macht den Traxler!

In Gedanken nämlich ist er immer mit dabei: der Denkmalserfinder und Erstbesteiger, Deutschlands ich- und strichgewaltigster Zeichner. Hans Traxler starb – übrigens völlig unerwartet – in der Nacht zum Montag in Frankfurt am Main.

Ein Nachruf von Oliver Maria Schmitt