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Droht Deutschland ein kulinarisches Mekka zu werden?

Als Simon Herold sich dem Maisfeld nahe dem sächsischen Frauenstein nähert, muss er nicht lange suchen: »Da ist er ja!« Herold befreit einen Kolben von seinen Blättern. Anstelle der typischen goldgelben Körnerreihen präsentiert sich uns ein knubbeliges, graues Etwas. »Das ist der Maisbeulenbrand. Vor ein paar Jahren gab’s den in Deutschland noch nicht. Doch wegen der anhaltenden Trockenheit kann er sich selbst in unseren Breiten aus-, äh,- breiten.« Die Wucherungen des parasitären Pilzes erinnern an vergorene, aufgedunsene Knoblauchzehen. Herold knickt den Kolben vom Stiel ab und beißt in die gräuliche Geschwulst. »Mmh, köstlich! Erstklassige Qualität! Ein feines, süßlich-nussiges Aroma.« In Connaisseurkreisen ist der Maisbeulenbrand auch als »Mexikanischer Trüffel« bekannt und gilt in Übersee als Delikatesse. Auf Maisfladen, Tacos oder riesigen Nacho-Eimern serviert, erfreut sich der schmackhafte Parasit großer Beliebtheit. »Wenn er so ausgezeichnet schmeckt, kann der Klimawandel gerne so weitermachen!« lacht Herold und verschluckt sich am Huitlacoche, wie die Kostbarkeit in seiner Heimat Mexiko heißt, wo sie »seit Jahrhunderten als Delikatesse gilt« (Bild, 31.8.26).

Simon Herold ist Lebensmittelgroßhändler und stellt derzeit sein Portfolio neu auf. Auffallend viele regionale Erzeugnisse aus dem Luxussegment kamen zuletzt hinzu. Ich begleite ihn zu einem Termin mit einem Weinbauern in der Region Saale-Unstrut. Während Wälder und Wiesen unter der Trockenheit leiden, kann der Weinbau sogar von ihr profitieren. Mancherorts rechnet man »mit einer absoluten Spitzenqualität bei den Weinen« (Süddeutsche Zeitung, 17.8.26). »Der Wein ist in der Trockenheit weniger anfällig für Schädlinge und Fäulnis und entwickelt ein hervorragendes Aroma«, erklärt Herold, während er euphorisch über die sächsische Landstraße braust. Mediterrane Rebsorten wie Cabernet Sauvignon würden mittelfristig auch in Deutschland gedeihen. Zwar sei es auf einigen Südhängen mittlerweile schon zu heiß für den Weinbau, doch herrschen dort nun ideale Bedingungen für den Anbau von Trüffeln. Einige Winzer haben bereits umgesattelt und »widmen einstige Weinberge zu Trüffelplantagen um« (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.8.26).

Ist es möglich, dass Deutschland wegen des Klimawandels derzeit eine Transformation zur Genussregion vollzieht? Das Land von Leberkässemmel und Bockwurst aus dem Petit Bistro, dessen erfolgreiche Ernteerzeugnisse bisher Namen wie Teltower Rübchen und Beelitzer Spargel trugen? »Ja, das versuche ich Ihnen die ganze Zeit zu erklären«, reißt mich Herold aus den Gedanken. »Es wird fantastisch: Granatäpfel aus dem Allgäu, Oliven aus der Soester Börde, Kiwis aus der Uckermark!« Auch wenn der Wandel noch dauern werde, der Diplom-Betriebswirt ist sich sicher: »Deutschland ist der Schrebergarten Europas von morgen.«

Am nächsten Vormittag treffe ich Herold auf einem Grundstück am Rande des Pfälzerwaldes. Korkeichen zieren den gelbbraun schimmernden Hang. Herold begutachtet sie mit Stolz: »Diesen Hain habe ich vor gut zehn Jahren anlegen lassen. Eigentlich wachsen Korkeichen in Spanien, aber die Waldbrände haben dort viel Sc…