Hesse, Herrndorf, Engelmann – so dürfte bald der Kanon der Coming-of-Age-Literatur lauten. Poetry-Slam-Ikone und »Stimme einer Generation« Julia Engelmann hat mit »Himmel ohne Ende« ihren Debütroman veröffentlicht. Dort schreibt sie über ein stilles Teenagermädchen, das wenige Freunde, aber umso mehr philosophische Gedanken hat. Eine literaturwissenschaftliche Analyse der markantesten Textstellen: »Da checkte ich es. Ich fühlte mich, als würde mein ganzes Leben hinter einer Glasscheibe ablaufen.« Eine eindeutige Reminiszenz an Sylvia Plaths »Die Glasglocke«, stilvoll in die Alltagssprache der Generation Brainrot überführt. »Du musst deine Träume immer ernster nehmen als deine Zweifel.« Behutsam lässt die Autorin die Philosophie von prominenten Träumern wie Elon Musk, Diana zur Löwen oder Charles Manson in ihre Erzählung einfließen. Ähnlich wie die Ich-Erzählerin haben auch sie immer an ihre Träume geglaubt, egal wie abseitig sie waren. »Es killte mich, wie sich Erwachsene über das Wetter unterhielten, als wäre es der Kleber, der die Welt zusammenhielt.« Hier zeigt sich die Fähigkeit der Autorin, sich mittels method writing die Persönlichkeit und den Ausdruck eines 14jährigen Teenagers im Jahr 2005 anzueignen. Mit dieser kindlichen Sicht wird uns erwachsenen Leser/innen schonungslos der gesellschaftskritische Spiegel vorgehalten. »Alles, was wir mit Liebe machen, machen wir richtig.« Engelmann hat das Talent, Poesie an den Orten zu finden, an denen sie im 21. Jahrhundert entsteht: Wie ein Schwamm saugt sie Alltagslyrik aus Whatsapp-Status, Tradwife-Sharepics oder den Kalenderständern bei Tedi auf, um sie in Burroughs’scher Manier zu einer ganz neuen Sprache zu kondensieren. »Die Menschen sind gut, aber die Leute sind blöd.« Mit diesem eindeutig an Adorno angelehnten dialektischen Aphorismus zeigt Engelmann, dass sie sich nicht scheut, ihr Publikum zu fordern und es ihm zu überlassen, das Sinnlose mit Sinn zu füllen. »…«Hier zeigt sich, wie gut die Autorin ihre Leser/innen kennt. Sie erkennt die geistige Ermüdung, die dank der Dauerbeschallung durch Mindset-Literatur, Erbauungsmemes und zu häufiger Griffe in die Glückskeksschale entsteht, und gönnt uns Lesenden eine Pause. »Vielleicht war die Glasscheibe, die mich von allen trennte, bloß ein Autofenster, das man herunterkurbeln konnte.« Wir werden entlassen mit der radikal aufbauenden Erkenntnis, dass wir unser Wohlergehen selbst in der Hand haben. Hätte Sylvia Plath dies gewusst, wäre sie 1963 wohl nicht in den Backofen gegangen. Beitragsnavigation Bahnchef gesucht: Wer folgt auf Richard Lutz? TITANIC Beziehungsratgeber