(Was bisher geschah)

Trotzdem blieb er auf der Brücke stehen; lehnte sich, erst mit den Handflä­chen, dann mit den Unterarmen aufs Geländer und genoß, obwohl ihm der Kopf noch immer weh tat, die Tatsache, daß der Kopf nicht mehr so weh tat wie eben noch.

Alles wurde stetig besser.

Das stimmte freilich nicht, oder nur, sofern es eben noch viel schlimmer war. Er sah auf die erleuchtete Stadt, die halbrechts vom Fluß ins Dunkle wuchs, und wußte, daß seine momentane Zufriedenheit als die eines Davon­gekommenen gelten mußte, eines, der einer Peinlich­keit von der Schippe ge­sprungen, einer Zumutung entkommen, einem Schla­massel entwichen war. Da die Gedanken bekanntlich frei sind und auch nie­mand in der Nähe war, der ihm in den Kopf hätte sehen können, überlegte Kurtchen, ob das nun für oder gegen sein Leben sprach, daß es, selbst in sei­nen guten Momenten, we­niger einer Erfolgsgeschichte geglichen hatte denn einer der Mißerfolge, die er, so gut es eben ging, hinter sich gelassen und verdrängt, vielleicht sogar umgewertet hatte im Sinne des ewig Mütterli­chen: Wer weiß, wozu es gut ist.

Das allerdings war nicht zu klären.

Wofür seine zwei Ehen gut waren, wußte Kurtchen nämlich nicht, außer für ein leeres Bankkonto und das, was da Erfahrung heißt und doch bloß Ges­tern ist: eine Apfelsine schälen und die Schale nicht wegwerfen können, son­dern Erfahrung nennen müssen. Erfahrung, das war immer alles; und war aber bloß dazu da, “densel­ben Fehler nicht zweimal zu machen”; oder, im speziellen Fall von Kurtchens Lebensabschnittspartnerschaften, dreimal. Trotzdem könnte er Petra heira­ten, und wenn das wieder Unsinn war, dann haftete keine Erfahrung dafür; sondern hatte bloß wieder Grund, sich uner­hört lebenswichtig aufzuspielen. Und wenn er’s nicht tat und als alter Knei­penhocker einsam endete: dito. Ein wiederkehrender Spaß bei den “Simp­sons” war Homers Erfah­rungsresistenz: Bei Apu verschimmelte Shrimps kaufen, ins Krankenhaus kommen, sich bei Apu beschweren, sich die glei­chen Shrimps zum halben Preis noch mal verkaufen lassen, wieder ins Kran­kenhaus kommen. Ein Witz, daß da einer aus Schaden nicht klug wird; kein Witz. Ursache und Wirkung, mehr konnte man vom Leben nicht verlangen.

Warum er, Kurtchen, Klempner geworden war, hätte er gar nicht zu sagen gewußt; sollte die pubertäre Auflehnung gegen seinen Vater, einen Professor der theoretischen Komplexchemie, der einzige Grund gewesen sein, reichte das als Grund kaum hin und war doch sichtlich trotzdem einer. Das Leben war im wesent­lichen Resultat. Immer, immer konnte man sagen: Das hast du jetzt davon. Das reichte, um morgens nicht aufstehen zu wollen.

Unter der Brücke strolchte ein Hund hervor, und dann ein Mann, der sich vom Hund spazierenführen ließ. Kurtchen mußte nicht auf die Uhr sehen, um sich über die Gassigehgewohnheiten des Mannes zu wundern, und er freute sich plötz­lich über den Mann und den Hund, die es einfach taten, aus einem Grund, der so gut war wie alle anderen auch. (wird fortge­setzt)