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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Ende der Debatte

admin

Es ist so eine Sache mit gesellschaftlichen Debatten, ob sie nun von Frank Schirrmacher und seinem „legendären“ (FAZ) Themenriecher angestoßen waren oder nicht, und auch wenn es vor dem Geist, zumal einem „sehr großen“ (ebd.), unbillig erscheinen mag, die Sache im Sinne Hegels bzw. H. Kohls von hinten zu betrachten, unter der Frage nämlich, was dabei herausgekommen sei, ist das für uns Materialisten nicht falsch gefragt. 

Die Gesellschaft vergreist, das ist eine Debatte wert, und trotz (Dialektiker mögen finden: wegen) aller Debatte liegen in eben dem Moment, in dem ich das hinschreibe, Altenheimbewohner in ihrer Scheiße, weil alte Leute für die Mehrwertschöpfung nicht von Interesse sind, sie sogar behindern. Eine andere Debatte ist die ums Internet, darum, was es mit uns macht und was es von uns weiß, und in den fünf Sekunden, den dieser Satz braucht, um in meinen Rechner zu wandern, geben eine Million Leute auf der Welt eine Netzbestellung auf, weil keine Debatte den zentralen Impuls allen zeitgenössischen Lebens, den Konsumakt nämlich, auch nur zu bremsen vermag, sowenig wie den verwandten der zeigefreudigen Selbstvermarktung per Facebook und Youtube.

„Migranten bei Bildung abgehängt“, lese ich; wiederum astreiner Stoff für eine Großdebatte, die allerdings daran, daß das autochthone „Bildungs“-Bürgertum kein Interesse daran hat, mehr Kanaken aufs Gymnasium zu lassen als unbedingt nötig, nicht das mindeste ändern wird, wie es eine böse, aber gerechte Pointe ist, daß es bei der Inklusionsdebatte darum geht, einem mongoloiden Kind aus einem Akademikerhaushalt eben jenes Gymnasium zu gewähren, das Hassan und Kevin nie von innen sehen. Und dafür, daß das anders wird, wird keine Debatte sorgen, sondern allenfalls schnöder Fachkräftemangel.

„Sie haben mich nicht nur nicht eingeladen, ich habe auch abgesagt.“ Ringelnatz, o.J.

Man soll den Geist nicht gegen die Praxis ausspielen, und gerade in Zeiten, in denen Praxis affirmativ oder gar nicht ist, resigniert, nach Adornos spätem Wort, nur der nicht, der stur auch nutzlos zu denken sich traut. Im Wort von der (nötigen, längst überfälligen, stürmischen) Debatte allerdings bedient Geist von Anfang an jene falsche Praxis, die den Geist nur in jenen Grenzen duldet, die er nicht respektieren darf, ohne sich gemein zu machen; weswegen Karl Kraus, auch darin kein Journalist, sein Lebtag lang weder eine Debatte begonnen, noch sich an einer beteiligt hat. Ein Debattenbeitrag ist ein Debattenbeitrag ist ein Debattenbeitrag, er trägt immer bloß bei, und nicht zum Widerstand, und wenn Debatte da aufhört, wo Kraus anfängt, dann besteht Grund zu der Vermutung, ein auf Kraus rekurrierender Essay wie „Dr. Seltsam ist heute online“ (FAZ, 28.3.2014) bleibe ungleich länger frisch als jene Debatten von und mit Frank Schirrmacher, die ich, aus hoffentlich guten Gründen, nicht verfolgt habe.

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