Kraftfahrzeuge, fliegendes Gerät, Raketen und Planeten: Diese Welt ist eine der Bewegung. Und was jedes Kind lernt, das zum ersten Mal im Kinderwagen mit einem Hindernis (z. B. Hund, Katze, Baum) zusammenstößt: Kinetische Energie bietet gar treffliche Möglichkeiten, nicht nur Lach- und Sach-, nein, stopp! Korrigiere: Personenschäden zu verursachen, sondern auch gewaltigen Lärm zu erzeugen. Während die Presse noch bis vor wenigen Jahren recht umständlich verschiedene Arten des Kollidierens unterschied, herrscht heute eine wohltuende Vereinheitlichung. Anstatt dass Kraftfahrzeuge umständlich “zusammenstoßen”, Menschen verharmlosend “umgefahren” werden, Tiere würdelos “aufeinanderprallen”, Steine verherrlichend “herabprasseln” oder Flugzeuge altmodisch “abstürzen”, wird heute fröhlich “gekracht”. Der Lärm ist es, der in der Postmoderne den Ton angibt – denn irgendwo kracht immer irgendetwas. So berichtete kürzlich die dpa: “Auto kracht in eine Hauswand – Fahrer flüchtet” (23.11.2024), der NDR: “Dollrottfeld: Auto kommt von Fahrbahn ab und kracht in Haus” (29.10.2023) und das Solinger Tagblatt fragt nachdenklich: “Auto kracht frontal in eine Hauswand: Versuchtes Tötungsdelikt oder schwerer Unfall?” (21.10.2024). Die traditionelle Kombi Kraftfahrzeug + Haus garantiert, dass es keinen Moment totenstill wird in der Republik. Erst recht nicht, wenn das bekanntlich impertinente Schwarzwild sich nicht an die Hausordnung hält. Das Radio Erzgebirge meldet: “Fahrer weicht Schwein aus und kracht gegen Baum” (7.9.2024) und der Nordkurier beklagt: “Auto kracht in totes Wildschwein” (11.12.2016), während regionalHeute im November 2017 Bilanz zieht: “Fünf auf einen Schlag: Autofahrer kracht in Wildschweinrotte”. Überhaupt: Tiere! Wie oft werden sie vorgeschoben, um uns das Silvesterfeuerwerk zu vermiesen? Dabei krachen unsere vierbeinigen Mitbewohner in der planetaren WG selbst kräftig mit. Erstaunlich dabei: Giraffen scheinen hier ganz vorne mitzumischen. So lesen wir auf animalsaroundtheglobe.com: “Giraffe kracht im Wildtierzentrum in Auto einer Familie” (8.11.2024) und irgendwie selbstverständlich in der Bild: “Giraffe kracht gegen Autobahnbrücke – tot” (2.8.2014). Andere Spezies möchten da natürlich nicht zurückstehen. Bereits am 27.11.2004 wusste die Welt: “Ein Elch kracht durchs Hausdach mitten ins Adventssingen der Familie Wagner”, wohingegen die Schweizer Blick erst am 23.01.2023 “Plötzlich kracht ein Waschbär durch die Decke” verkündete. Und kürzlich dann: “Harte Landung auf Auto: Affe kracht durch Schiebedach” (msn, 19.11.2024). Ein gängiges Vorurteil, nur Männer krachten bzw. ließen es krachen, trifft heute definitiv nicht mehr zu. Die Frauen holen auf, das Krachen entwickelt eine stabile weibliche Seite. “Kölnerin kracht bei Rösrath in Brückengeländer” (12.3.2024) oder “28-Jährige kracht in Eitorf mit Auto ins Geländer der Siegbrücke – leicht verletzt” (30.6.2023) etwa meldet die Kölnische Rundschau, lässt jedoch offen, ob bei letzterem Zwischenfall nur das Geländer oder vielmehr das Auto leicht verletzt wurde. Auf den ersten Blick scheint das Krachen der Frauen ein anderes zu sein. Ziehen etwa Frauen filigrane Strukturen wie Geländer und Gebüsche Häusern und Wänden vor? Nein! Auch beim Krachen haben wir Gleichstellung erreicht. So berichtet Bild sowohl “Frau (80) kracht durch Hauswand” (11.5.2024) als auch vice versa nur einen Tag später: “BMW kracht in Gebüsch – fünf Schwerverletzte!” Und die Westdeutsche Zeitung ergänzt abschließend am 8.11.2024: “Auto kracht gegen Hauswand in Wuppertal: Frau tot”. Tröstlich jedenfalls, dass wenigstens das Auto überlebt hat. Das Krachen des 21. Jahrhunderts ist definitiv nicht auf mühselige Zusammenstöße am Boden beschränkt. Kräftig wird auch in und aus der Luft gekracht. “Pilot kracht mit Flugzeug in sein ehemaliges Haus” (Rheinische Post, 6.5.2014), “Kleinflugzeug kracht in Hausdach” (Nordkurier, 1.6.2020), “Flugzeug kracht in Haus: 12 Tote” (salzburg24, 27.12.2019) oder “DHL-Flugzeug kracht in Hof von Wohnhaus – mindestens ein Toter!” (Berliner Kurier, 25.11.2024) sind lediglich Beispiele, die den globalen Trend belegen. Sind Autos, Motorräder und Flugzeuge das Erste, was ihnen in den Sinn kommt, wenn Männer und Frauen auf der Straße ans “Krachen” denken, so reicht das Spektrum der technischen Hilfsmittel längst weit darüber hinaus. “Gondel kracht in Bergstation” und “Satellit kracht in Wohnhaus” berichtete am 19.11.2024 bzw. 17.10.2004 jeweils der Spiegel. Bild ist auch hier wieder bestens informiert: “Weltraumschrott kracht in Wohnhaus” (3.4.2024), und selbst in der an sich recht eingekapselten Schweiz macht man sich Sorgen um das Krachen aus dem Weltraum: “Wer haftet, wenn ein Starlink-Satellit in deinen Garten kracht?” (20min.ch, 29.8.2024). Selbst die exotischsten Kombinationen treten in Erscheinung: “Regionalbahn kracht in Baukran in Unterfranken” (Stern, 25.11.2024), “Unfassbares Video: Mega-Felsen kracht auf LKW” (RTL, 4.3.2024), “Porsche-Fahrer kracht gegen Felsen und stirbt: Nun ist Unfallhergang klar” (so in totaler Umkehrung aller Verhältnisse der Focus, 15.10.2019), “Felsblock kracht vor Linienbus” (Bild, 6.6.2024), “Wo ein roter Bierkasten in den Pool kracht” (schon am 4.1.2009 in der Aachener Zeitung) – die Liste von Paarungen ließe sich nach Belieben fortsetzen, denn alles kann und wird in alles krachen. Von wegen Wasser hätte keine Balken! Auch hier sind wir weiter, sind unsere alten Vorstellungen vom stillen Ozean überholt. “Frachter rammt riesigen Kran – Stahlturm kracht in Hafen” vermeldete ntv am 17.10.2024. Der Stern berichtete am 22.4.2024: “Auch der Anker hilft nicht – zu schnelles Kreuzfahrtschiff kracht in Hafenmauer” und t-online informiert uns am 29.8.2024: “Schiff kracht gegen vor Anker liegende Boote”. Bild mischt wie immer ganz vorne mit und betritt dabei sogar sprachliches Neuland: “75.000 Tonnen Frachter knallt frontal in Kaimauer” (24.3.2023). Ist das ein Knall, der uns frontal die Richtung weist, wie die Schlagzeile von morgen klingen wird? Das werden wir erst sehen, nachdem uns das Hören vergangen ist. Was ein Donnern! Was ein Getöse und Schmettern in allen Ecken und aus allen Richtungen! Nein, wer sich gründlich informiert, wird schnell feststellen: Um die Zukunft des Lärms muss uns nicht bange sein. Eher krachte die ganze Welt zusammen bzw. uns der Himmel auf den Kopf. Wobei … hier besteht offenbar tatsächlich ein Restrisiko: “Meteorit kracht bei Verbier nieder” (Blick, 6.12.2021), “Meteorit kracht in Kleinwagen: So sieht das Auto danach aus” (eFahrer.com, 25.11.2023), “Andromeda kracht in die Milchstraße” (golem.de, 1.6.2012), et cetera peng peng … Theobald Fuchs Beitragsnavigation Aus Eugen Egners Püppchenstudio The Very Rest of 2024 (V)