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Dax Werners Debattenrückspiegel: KW 50

Liebe Leser_innen,

erst einmal frohen dritten Advent von meiner Seite! Die heutige Ausgabe ist der perfekte Vorwand, beim Adventsfrühstück mit der Familie das Huawei aus der Hosentasche zu grabbeln und mit fester Stimme – trau dich, Tiger! – klarzustellen: "Mum, Dad, Besinnlichkeit schön und gut, aber nun ist der neue Debattenrückspiegel vom Werner online. Ihr entschuldigt mich!"

Zum Auftakt ein bisschen Selbstreflektion: Ich stelle fest, dass die Krise mich selbst ein bisschen in den Rückzug der Bildungsbürger-Simulation peitscht. Erst habe ich hier eingehend den neuen Roman von Dirk Rossmann besprochen, letzte Woche dann allen Ernstes das "Literarische Quartett" kommentiert. Da fragt nicht nur ihr euch zu Recht: Was kommt als nächstes? Na ja, ein neues Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre natürlich! Zusammen mit dem Schweizer-Starautoren Alain Sutter hat er "Alle sind so ernst geworden" veröffentlicht, ein wichtiges Buch, in dem es darum geht, dass die Neunziger und frühen Nuller Jahre vorbei sind. Ich weise deswegen noch einmal so prominent auf die Neuerscheinung hin, denn so dezent und zurückhaltend, wie das neue Produkt aktuell von vielen Promis auf Instagram beworben wird, haben das sicher viele noch gar nicht mitbekommen. TITANIC-Redakteur Fabian Lichter schon. Er urteilte diese Woche auf dem Kurznachrichtendienst Twitter schon wohlwollend: "Klasse, das neue Buch von Stucki und Suter. Man merkt einfach, dass sie sich da wirklich mal 'ne Stunde Zeit genommen haben, uns was Feines abzuliefern." Ich habe das Ding nicht gelesen, was mich schon hinreichend qualifiziert, das Werk in einem sehr langen Thread literaturwissenschaftlich auseinanderzunehmen. Und dennoch: Eine kleine Stimme in mir hält mich trotzdem zurück, für ein paar Likes so richtig draufzuhauen. Woher auf einmal die Skrupel? Weil wir alle irgendwie auch zusammen drinstecken in der Krise? Weil’s der Literaturbranche eh nicht gut geht und ich das Weihnachtsgeschäft nicht zerschießen will? Weil ich dann wieder wütende DMs (direct messages) bekomme? Ich weiß es selber nicht so richtig. Lasst uns die causa fürs Erste mit einem Zitat aus ein anderen genialen Werk aus der Männerkunstkanonwelt schließen: "It is what it is."

Wir hier in NRW kennen uns jedenfalls aus mit everybody’s darlings, die ohne erkennbaren Grund von jetzt auf gleich die Gunst des Publikums verlieren. Unser Landesvater Armin Laschet ist so einer: Sein Corona-Management mit Maß und Mitte ist seit mehr als einem halben Jahr Gespött vieler anonymer Internetrambos und Satiriker_innen. Frage mich manchmal, wie schnell diese Pantoffelhelden wohl scheitern würden, wenn sie zwischen Wahlkampftour für den CDU-Vorsitz und ständigen Talkshow-Auftritten auch noch Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland in der größten Krise seit dem zweiten Weltkrieg durchregieren müssen. Ob man nun Lindner, Röttgen oder Laschet fragt: Niemand setzt sich gern in den Düsseldorfer Landtag und lässt sich von überambitionierten WDR-Volontär_innen zum sechsten Corona-Ausbruch in der Tönnies-Unternehmensgruppe grillen. Nein, diesen Job muss man wollen, aber Demut und Dankbarkeit werden dieser Tage leider zu Fremdwörtern. 

Stattdessen ununterbrochen Spott und Häme für alle Politiker_innen, die auch mal unkonventionelle Wege gehen, sich was trauen. Wie zum Beispiel Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, der gestern trotz Pandemie zum Weihnachts-Shopping in seine Stadt einlud und mit reduzierten ÖPNV-Tickets lockte. Oder die Stadt Chemnitz, die den Samstag – vermutlich unter starken Abwägungsschmerzen – zum "Shopping Finale" machte und 1600 kostenlose Parkplätze zur Verfügung stellte. Die wenigsten machen sich ein Bild, wie schwierig die Planung solcher verkaufsfördernder Marketing-Aktionen im Umfeld der Pandemie fällt, wie sehr das "einerseits, andererseits" sie nachts um den Schlaf bringt. Menschen, die hauptberuflich ihre Meinung ins Internet schreiben, kommen mit solch komplexen Entscheidungsprozessen natürlich seltener in Berührung, warum auch, so ein "#LockdownJetzt" ist ja schnell gezwitschert. Und danach wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben.

Auch wenn das Weihnachtsfest dieses Jahr nicht so stattfinden kann wie sonst: Vielleicht nutzen wir alle einmal die Gelegenheit, zur Besinnung zu kommen. Das heißt zum Beispiel für mich: Weniger verkürzte Kritik, mehr Konsum – und damit die Wirtschaft mit vereinten Kräften durch die Krise katapultieren. Vielleicht können wir ja einfach mal wieder ein neues iPhone bestellen? Einen Staubsauger-Roboter? Oder eine Memoryschaum-Matratze? Es gibt viele Wege, die deutsche Wirtschaft und den Einzelhandel zu supporten. Welche fallen euch noch ein?

Bestellt euch doch mal wieder was Schönes, am besten gleich doppelt!

Euer Dax Werner




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Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Stillgestanden, »Spiegel«!

»Macht sich in den USA Kriegsmüdigkeit breit?« fragst Du in einer Artikelüberschrift. Ja, wo kämen wir hin, wenn die USA die Ukraine nur nüchtern-rational, aus Verantwortungsbewusstsein oder gar zögerlich mit Kriegsgerät unterstützten und nicht euphorisch und mit Schaum vor dem Mund, wie es sich für eine anständige Kriegspartei gehört?

Spiegel-müde grüßt Titanic

 Nichts für ungut, Tasmanischer Tiger!

Nachdem wir Menschen Dich vor circa 100 Jahren absichtlich ein bisschen ausgerottet haben, um unsere Schafe zu schützen, machen wir den Fehltritt jetzt sofort wieder gut, versprochen! Du hast uns glücklicherweise etwas in Alkohol eingelegtes Erbgut zurückgelassen, und das dröseln wir nun auf, lassen Dich dann von einer Dickschwänzigen Schmalfußbeutelmaus in Melbourne austragen, wildern Dich in Australien aus und fangen dann ziemlich sicher an, Dich wieder abzuknallen, wie wir es mit den mühsam wiederangesiedelten Wölfen ja auch machen. Irgendjemand muss ja auch an die Schafe denken.

Aber trotzdem alles wieder vergeben und vergessen, gell?

Finden zumindest Deine dünnschwänzigen Breitfußjournalist/innen von der Titanic

 Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Nichts läge uns ferner, als über Ihren Steuerhinterziehungsprozess zu scherzen, der für Sie mit drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe geendet hat. Etwas ganz anderes möchten wir ansprechen, nämlich Ihre Einlassung am zweiten von insgesamt vier Verhandlungstagen, während der Sie laut Handelsblatt »lang und breit über die Vorzüge« von Ingwer palaverten, »aber auch über Knoblauch, Kardamom oder Rosmarin«, bis Sie schließlich einsahen: »Ich könnte stundenlang über Gewürze reden, aber das ist wohl der falsche Zeitpunkt.«

Und ob das der falsche Zeitpunkt war! Mensch, Schuhbeck, die gute alte Gewürz-Verteidigung, die hebt man sich doch für ganz zum Schluss auf, die pfeffert man dem Gericht (!) nach den Kreuzkümmelverhören prisenweise entgegen. Wozu zahlen Sie denn gleich zwei Anwälten gesalzene Stundensätze? Bleibt zu hoffen, dass Sie bei der Revision die Safranfäden in der Hand behalten!

Die Gewürzmühlen der Justiz mahlen langsam, weiß Titanic

 Sicher, Matthew Healy,

dass Sie, Sänger der britischen Band The 1975, die Dinge einigermaßen korrekt zusammenkriegen? Der Süddeutschen Zeitung sagten Sie einerseits: »Ich habe ›Krieg und Frieden‹ gelesen, weil ich die Person sein wollte, die ›Krieg und Frieden‹ gelesen hat.« Und andererseits: »Wir sind vielleicht die journalistischste Band da draußen.« Kein Journalist und keine Journalistin da draußen hat »Krieg und Frieden« gelesen, wollten mal gesagt haben:

Ihre Bücherwürmer von der Titanic

 Helfen Sie uns weiter, Innenministerin Nancy Faeser!

Auf Ihrem Twitter-Kanal haben Sie angemerkt, wir seien alle gemeinsam in der Verantwortung, »illegale Einreisen zu stoppen, damit wir weiter den Menschen helfen können, die dringend unsere Unterstützung brauchen«. Das wirft bei uns einige Fragen auf: Zunächst ist uns unklar, wie genau Sie sich vorstellen, dass Bürgerinnen und Bürger illegale Einreisen stoppen. Etwa mit der Flinte, wie es einst Ihre Bundestagskollegin von Storch forderte? Das können Sie als selbsternannte Antifaschistin ja sicher nicht gemeint haben, oder? Außerdem ist uns der Zusammenhang zwischen dem Stoppen illegaler Einreisen und der Hilfe für notleidende Menschen schleierhaft.

Außer natürlich Sie meinen damit, dass die von Ihrem Amtsvorgänger und der EU vorangetriebene Kriminalisierung von Flucht gestoppt werden müsse, damit Menschen, die dringend unsere Unterstützung brauchen, geholfen wird.

Kann sich Ihre Aussage nicht anders erklären: Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Vom Kunstfreund

Erst neulich war es, als ich, anlässlich des Besuchs einer Vernissage zeitgenössischer Kunst, während der Eröffnungsrede den Sinn des alten Sprichworts erfasste: Ein paar tausend Worte sagen eben doch mehr als nur ein Bild.

Theobald Fuchs

 Schwimmbäder

Eine chlorreiche Erfindung.

Alice Brücher-Herpel

 Heimatgrüße

Neulich hatte ich einen Flyer im Briefkasten: »Neu: Dezember Special! Alle Champions-League-Spiele auf 15 Flatscreens!!!« Traurig, zu welchen Methoden Mutter greift, damit ich öfter zu Besuch komme.

Leo Riegel

 Sprichwörter im Zoonosen-Zeitalter

Wer nichts wird, wird Fehlwirt.

Julia Mateus

 Auf dem Markt

– Oh, Ihr Doldenblütler verkauft sich aber gut!
– Ja, das ist unser Bestsellerie!

Cornelius W.M. Oettle

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

  • 19.10.:

    Stefan Gärtner bespricht in der Buchmessenbeilage der Jungen Welt Moritz Hürtgens Roman "Der Boulevard des Schreckens".

  • 12.10.: Der Tagesspiegel informiert über den anstehenden Chefredaktionswechsel bei TITANIC.
Titanic unterwegs
06.12.2022 Kassel, Staatstheater Hauck & Bauer mit Kristof Magnusson
06.12.2022 Frankfurt am Main, Club Voltaire TITANIC-Nikolaus-Lesung
08.12.2022 Köln, Senftöpfchentheater Moritz Hürtgen
09.12.2022 Dresden, Alter Schlachthof Martin Sonneborn mit Gregor Gysi