Tränen des Hummers

Jordan Peterson kommt! Plakate an den Litfaßsäulen der Stadt kündigen seine Wiederkunft an, Halleluja! Gute Nachrichten also für alle, die sich nach einer Autorität sehnen, die ihnen mit piepsiger Stimme befiehlt, die Playstation auszuschalten, und dabei den Verfall der Werte beklagt. Der kanadische Psychologe hat sich mit seiner Kombination aus Bibelstudium, Youtube-Tiraden und humorloser Neo-Biederkeit zur Vaterfigur einer Generation gemacht und das spricht ja nun tatsächlich nicht für die Welt, die Peterson in seinem algorithmisch verstärkten Sermon anklagt.

Was Peterson erfolgreich macht, ist aber nicht nur seine Liebe zu konservativen Hausmittelchen gegen Depressionen (»Steh gerade!«), sondern die Fähigkeit, jeden Stuss in ein bleischweres Gewand aus Mythen, Nietzsche-Zitaten und Jung’scher Psychologie zu kleiden. Was einer Generation, die ihn zwischen Tiktok-Clips und Instagram-Kitsch findet, wie die destillierte Weisheit eines Universalgenies vorkommen muss. Petersons Denken baut auf einer einfachen These auf, die da lautet: Wenn Hummer sich hierarchisch verhalten, dann ist die Moderne eben ein Irrtum.

Bei aller Rückwärtsgewandtheit hat er jedoch keine Angst davor, Emotionen zu zeigen und sogar zu weinen. Und Grund dazu findet sich immer, denn: Die Welt ist hart, Frauen nicht mehr das, was sie mal waren, und das Dasein des modernen Mannes bedrückend unheroisch. Die »12 Rules for Life«, sein Bestseller für den unabhängigen Selbstdenker von heute, werden im Netz wohl daher auch besonders von jungen Männern mit ohnehin starkem Hang zur Ratgeberliteratur empfohlen. Wer die Weisheiten aus Petersons Clips und Büchern nur oft genug vor sich selbst wiederholt, kann seinen individuellen Frust und die Angst vor einer Welt, die gerade kurz vor der Abwicklung steht, noch einmal kanalisieren und die eigenen Hummerenergien für die Bewältigung des Alltags beschwören.

Seine Jünger finden auf diesem Weg, was ihnen die moderne Welt vorenthalten hat: eine Sammlung an identitätsstiftenden Kalenderweisheiten und eine Prise Pseudotranszendenz, die das Programm adelt, das in aller Regel auch auf sie wartet und das heutzutage nicht mal mehr mit dem Bonus männlicher Vormachtstellung daherkommt. Diese würde den meisten von ihnen ja schon völlig ausreichen. Und so hängen sie an Petersons Lippen, der neben den Ratschlägen aus seinem privaten Katechismus eine karnivore Diät predigt, bei der sogar Jesus persönlich Durchfall bekommen hätte. So schließt sich der Kreis: Regeln wie »Bringe Ordnung in dein Haus, bevor du die Welt kritisierst« verströmen schließlich ebenfalls einen verdächtig aasigen Geruch.

Diskurs, Kritik und Fun total! Den neuen Debattenbeitrag »Best of Content« von Fabian Lichter gibt es jeden Sonntag nur bei TITANIC!