Reife Lebenserfüllung (Teil 1)

In dem Maße, wie meine reife Lebenserfüllung voranschritt, wuchs die Wahrscheinlichkeit einer offiziellen Würdigung meiner Verdienste. So überraschte es mich wenig, als ich von der Entscheidung der zuständigen Kommission erfuhr, zur Verklärung meines Fort- und künftigen Nachlebens solle eine Portraitbüste von mir angefertigt werden. Die renommierte Plastikerin Camilla von Reusach wurde mit dieser Arbeit beauftragt, und bereits eine Woche später fand ich mich zur ersten Sitzung in ihrem Atelier ein. „Es soll nicht einfach eine hundertprozentige Wiedergabe Ihres Gesichts werden“, erklärte sie mir, „vielmehr soll zum Ausdruck kommen, wer und was Sie hinter der Fassade Ihrer äußeren Erscheinung sind. Ihr Inneres, Ihr Charakter, Ihre neuronale und seelische Architektur, jede Nuance bis hin zum Rauschen in Ihrem linken Ohr muß aus diesem dreidimensionalen Portrait sprechen. Die meisten Menschen hätten Angst davor. Sind Sie sicher, daß Sie genug Courage besitzen? Ist es Ihnen wirklich ernst damit?“
Jawohl, es war mir wirklich ernst damit.
„Die Haltung des Gesichts ist sehr wichtig“, erklärte Frau von Reusach. „Angestrebt ist der Gesichtsausdruck eines friedlich im Schlaf lächelnden, nicht eines sich schlafend stellenden Menschen. Erst recht nicht das eines lebenden Toten. Am Anfang steht die Prüfung der Gesichtszüge.“ Augenblicklich bemühte ich mich um einen unverkrampften, möglichst nicht zu finsteren, doch auch nicht idiotischen Ausdruck. Ich nahm an, die Plastikerin werde nun Physiognomieskizzen anfertigen oder Portraitphotographien aufnehmen, vielleicht sogar gleich mit Celeritmasse modellieren. Auch einen Abguss nach dem Leben, einen sogenannten Paraffinabklatsch, hätte ich erwartet, wurde jedoch darüber belehrt, daß das technische Verfahren zur Herstellung von Portaitbüsten ein völlig anderes sei.

(Fortsetzung folgt.)


Zur Situation

An dieser Stelle wird mit aller Entschiedenheit dem möglicherweise in der Bevölkerung entstehenden Eindruck entgegengetreten, die angekündigte Umbenennung des Püppchenstudios sei ins Reich der Fabel zu verweisen und werde gar nicht wirklich angestrebt. Nichts könnte weniger der Fall sein.