Humorkritik | September 2010

September 2010

Muselmann mit Judenwitz

Eine Szene zu Beginn des Films etabliert die Tonlage von »The Infidel« (gerade auf DVD erschienen). Lange bevor der muslimische Londoner Minicab-Fahrer Mahmud Nasir herausfindet, wer er in Wirklichkeit ist, tritt er aus seinem Haus auf die Straße. Starren Blicks sehen wir ihn plötzlich innehalten, die Kamera fährt auf ihn zu, Wind kommt auf und wirbelt Schmutz hoch, das Rauschen eines Sturmes schwillt an, erstickt alle Alltagsgeräusche – und ein Straßenreiniger mit Laubbläser marschiert durch das dramatische Bild und ruiniert es im Handumdrehen. Nein, tiefgründig, bedeutungsschwer, bedrohlich will »The Infidel« nicht sein, nicht Satire, sondern Komödie.

 

Dabei hätte der Plot das Zeug dazu: Ein Moslem erfährt, daß er in Wirklichkeit Jude ist, und stürzt in eine Identitätskrise. Sein leiblicher Vater lebt noch, mit ihm will Mahmud Kontakt aufnehmen. Zuvor muß er jedoch ein waschechter Jude werden, denn der fromme Alte ist schwer krank und äußerst labil. Obwohl Mahmud nicht besonders religiös ist, hat er damit seine liebe Not; und daß sein Sohn eine Freundin hat, deren Stiefvater ein radikaler Imam ist, macht die Sache nicht einfacher. Um dessen Zustimmung zur Hochzeit zu erhalten, muß Mahmud seine Durchschnittsfamilie nämlich als strenggläubigen Bilderbuch-Clan präsentieren.

 

Auf das Drehbuch hätte man auch gleich mit dicken Buchstaben das Wort »Fatwa« schreiben können. Die BBC zog sich aus der Produktion vorsichtshalber zurück. Doch dem Autor David Baddiel und seinem Hauptdarsteller Omid Djalili gelingt es, den Fokus nicht auf die Religionskritik, sondern völlig auf den Clash der Kulturen zu richten, mit Stereotypen und Vorurteilen zu spielen, und so eine bodyswap-Komödie zu inszenieren, die eher leicht ist und vor allem eines: komisch.

 

Als er im Nachlaß seiner Mutter die Adoptionsurkunde entdeckt, will Mahmud auf dem zuständigen Amt seine wahre Identität herausfinden. Die darf ihm die Sachbearbeiterin freilich nicht offenlegen, also entwindet Mahmud ihr die Akte mit Gewalt und erfährt, während sie die Wachleute ruft, seinen Geburtsnamen: Solomon Shimshillewitz. Die Wache führt ihn ab, und Mahmud alias Solomon ruft: »Gimme a break – you find out you’re jewish, and suddenly some bloke in a uniform is leading you away?«

 

Ja, er ist jüdisch, und die Unterrichtsstunden im Jüdischsein, die er von seinem amerikanischen Taxler-Konkurrenten Lenny Goldberg (Richard Schiff) erhält, gehören zu den besten Momenten des Films. Dabei können sich die beiden eigentlich nicht ausstehen: Goldberg parkt gerne vor Mahmuds Haus. Der beschimpft ihn dafür hingebungsvoll, und dabei rutscht es ihm raus: Ich bin ja selbst Jude! Prompt fährt Goldberg sein Taxi weg. Was, weil er Jude sei? fragt Mahmud verblüfft, und erhält die Antwort: »Welcome to the world wide conspiracy!«

 

Nein, die islamische Welt kann sich über zu böse Kritik in »The Infidel« wahrlich nicht beschweren: Mahmud und seine Familie sind weltliche Muselmanen von nebenan, Extremisten werden auf beiden Seiten zur Räson gebracht, und die meisten Scherze sind ziemlich gutmütig: Nicht nur das Fernsehen, so sinnieren einmal Mahmuds muslimische Kollegen, sei von Juden beherrscht, ganze Länder würden ja von Juden geführt! Die USA zum Beispiel! Und Israel!

 

Baddiel ist in seinem Bemühen, eine Fatwa zu vermeiden, sogar ein wenig über das Ziel hinausgeschossen: Allzu versöhnlich und reichlich konstruiert ist nämlich der Schluß des Films, den man sogar als Plädoyer für eine gewisse Religiosität lesen könnte (was ja doch Wunder nimmt, wenn es von einem erklärten Atheisten wie Baddiel kommt). Das riecht dann allzusehr nach abrahamitischer Ökumene, ja Kirchentag. Doch genau das sei seine Absicht gewesen, erklärt Baddiel. Und wer es lieber böse mag, kann ja statt zu »The Infidel« lieber zu Chris Morris’ ebenfalls bald auf DVD erscheinenden Islamisten-Satire »Four Lions« greifen, in der eine Handvoll unterbelichteter Möchtegern-Selbstmordattentäter… Doch dazu ein anderes Mal mehr.

  

Aktuelle Startcartoons

Heftrubriken

Briefe an die Leser

 Stillgestanden, »Spiegel«!

»Macht sich in den USA Kriegsmüdigkeit breit?« fragst Du in einer Artikelüberschrift. Ja, wo kämen wir hin, wenn die USA die Ukraine nur nüchtern-rational, aus Verantwortungsbewusstsein oder gar zögerlich mit Kriegsgerät unterstützten und nicht euphorisch und mit Schaum vor dem Mund, wie es sich für eine anständige Kriegspartei gehört?

Spiegel-müde grüßt Titanic

 Sicher, Matthew Healy,

dass Sie, Sänger der britischen Band The 1975, die Dinge einigermaßen korrekt zusammenkriegen? Der Süddeutschen Zeitung sagten Sie einerseits: »Ich habe ›Krieg und Frieden‹ gelesen, weil ich die Person sein wollte, die ›Krieg und Frieden‹ gelesen hat.« Und andererseits: »Wir sind vielleicht die journalistischste Band da draußen.« Kein Journalist und keine Journalistin da draußen hat »Krieg und Frieden« gelesen, wollten mal gesagt haben:

Ihre Bücherwürmer von der Titanic

 Helfen Sie uns weiter, Innenministerin Nancy Faeser!

Auf Ihrem Twitter-Kanal haben Sie angemerkt, wir seien alle gemeinsam in der Verantwortung, »illegale Einreisen zu stoppen, damit wir weiter den Menschen helfen können, die dringend unsere Unterstützung brauchen«. Das wirft bei uns einige Fragen auf: Zunächst ist uns unklar, wie genau Sie sich vorstellen, dass Bürgerinnen und Bürger illegale Einreisen stoppen. Etwa mit der Flinte, wie es einst Ihre Bundestagskollegin von Storch forderte? Das können Sie als selbsternannte Antifaschistin ja sicher nicht gemeint haben, oder? Außerdem ist uns der Zusammenhang zwischen dem Stoppen illegaler Einreisen und der Hilfe für notleidende Menschen schleierhaft.

Außer natürlich Sie meinen damit, dass die von Ihrem Amtsvorgänger und der EU vorangetriebene Kriminalisierung von Flucht gestoppt werden müsse, damit Menschen, die dringend unsere Unterstützung brauchen, geholfen wird.

Kann sich Ihre Aussage nicht anders erklären: Titanic

 Nichts für ungut, Tasmanischer Tiger!

Nachdem wir Menschen Dich vor circa 100 Jahren absichtlich ein bisschen ausgerottet haben, um unsere Schafe zu schützen, machen wir den Fehltritt jetzt sofort wieder gut, versprochen! Du hast uns glücklicherweise etwas in Alkohol eingelegtes Erbgut zurückgelassen, und das dröseln wir nun auf, lassen Dich dann von einer Dickschwänzigen Schmalfußbeutelmaus in Melbourne austragen, wildern Dich in Australien aus und fangen dann ziemlich sicher an, Dich wieder abzuknallen, wie wir es mit den mühsam wiederangesiedelten Wölfen ja auch machen. Irgendjemand muss ja auch an die Schafe denken.

Aber trotzdem alles wieder vergeben und vergessen, gell?

Finden zumindest Deine dünnschwänzigen Breitfußjournalist/innen von der Titanic

 Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Guten Appetit, TV-Koch Alfons Schuhbeck!

Nichts läge uns ferner, als über Ihren Steuerhinterziehungsprozess zu scherzen, der für Sie mit drei Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe geendet hat. Etwas ganz anderes möchten wir ansprechen, nämlich Ihre Einlassung am zweiten von insgesamt vier Verhandlungstagen, während der Sie laut Handelsblatt »lang und breit über die Vorzüge« von Ingwer palaverten, »aber auch über Knoblauch, Kardamom oder Rosmarin«, bis Sie schließlich einsahen: »Ich könnte stundenlang über Gewürze reden, aber das ist wohl der falsche Zeitpunkt.«

Und ob das der falsche Zeitpunkt war! Mensch, Schuhbeck, die gute alte Gewürz-Verteidigung, die hebt man sich doch für ganz zum Schluss auf, die pfeffert man dem Gericht (!) nach den Kreuzkümmelverhören prisenweise entgegen. Wozu zahlen Sie denn gleich zwei Anwälten gesalzene Stundensätze? Bleibt zu hoffen, dass Sie bei der Revision die Safranfäden in der Hand behalten!

Die Gewürzmühlen der Justiz mahlen langsam, weiß Titanic

Vom Fachmann für Kenner

 Auf dem Markt

– Oh, Ihr Doldenblütler verkauft sich aber gut!
– Ja, das ist unser Bestsellerie!

Cornelius W.M. Oettle

 Vom Kunstfreund

Erst neulich war es, als ich, anlässlich des Besuchs einer Vernissage zeitgenössischer Kunst, während der Eröffnungsrede den Sinn des alten Sprichworts erfasste: Ein paar tausend Worte sagen eben doch mehr als nur ein Bild.

Theobald Fuchs

 Sprichwörter im Zoonosen-Zeitalter

Wer nichts wird, wird Fehlwirt.

Julia Mateus

 Heimatgrüße

Neulich hatte ich einen Flyer im Briefkasten: »Neu: Dezember Special! Alle Champions-League-Spiele auf 15 Flatscreens!!!« Traurig, zu welchen Methoden Mutter greift, damit ich öfter zu Besuch komme.

Leo Riegel

 Schwimmbäder

Eine chlorreiche Erfindung.

Alice Brücher-Herpel

Vermischtes

Erweitern

Das schreiben die anderen

  • 26.10.:

    Chefredakteurin Julia Mateus spricht über ihren neuen Posten im Deutschlandfunk, definiert für die Berliner-Zeitung ein letztes Mal den Satirebegriff und gibt Auskunft über ihre Ziele bei WDR5 (Audio). 

  • 26.10.:

    Julia Mateus erklärt dem Tagesspiegel, was Satire darf, schildert bei kress.de ihre Arbeitsweise als Chefredakteurin und berichtet der jungen Welt ein allerletztes Mal, was Satire darf. 

  • 26.10.:

    Ex-Chef-Schinder Moritz Hürtgen wird von Knut Cordsen für die Hessenschau über seinen neuen Roman "Der Boulevard des Schreckens" interviewt (Video) und liest auf der TAZ-Bühne der Buchmesse Frankfurt aus seiner viel gelobten Schauergeschichte vor (Video). 

  • 19.10.:

    Stefan Gärtner bespricht in der Buchmessenbeilage der Jungen Welt Moritz Hürtgens Roman "Der Boulevard des Schreckens".

  • 12.10.: Der Tagesspiegel informiert über den anstehenden Chefredaktionswechsel bei TITANIC.
Titanic unterwegs
04.12.2022 Enkenbach-Alsenborn, Klangwerkstatt Thomas Gsella mit den Untieren
06.12.2022 Kassel, Staatstheater Hauck & Bauer mit Kristof Magnusson
06.12.2022 Frankfurt am Main, Club Voltaire TITANIC-Nikolaus-Lesung
08.12.2022 Köln, Senftöpfchentheater Moritz Hürtgen