(Was bisher geschah)

Der hellerleuchtete Einkaufskiosk jedenfalls steckte still und recht einladend im Eck, und aus Gründen, die sich vorzurechnen Kurtchen keinen Anlaß sah, schnürte er nicht, wie gewöhnlich, daran vorbei, sondern trat, mit der müden, gleichwohl geläufigen Geste desjenigen, der auch die letzte Boje noch fehlerfrei umsegelt, ein.

Der schwarzhaarige Mann, der mit irgend etwas Lesbarem in seinem Ver­kaufsabteil saß und von dem nur der Kopf zu sehen war, blickte nur kurz auf, um Guten Abend zu sagen, und vertiefte sich wieder in seine Lektüre. Kurtchen fiel abermals auf, daß er keine Ahnung hatte, was er hier eigentlich wollte, daß er aber, da er nun einmal hier hineingeraten war, irgendwas draus machen mußte, weil einfach wieder gehen aus Gründen, die in seiner unausrottbaren Neigung zur Schamhaftigkeit zu finden waren, nicht in Frage kam; und mit einer Mi­schung aus Wohlgefallen und Mißtrauen registrierte er, daß sich die Symbo­lismen heute abend auf doch schon arg penetrante Art häuften.

Kurtchen nahm vor der Eistruhe Stellung und tat fürs erste so, als suche er ein passendes Eis, überlegte fahrig, ob er wohl noch in der Lage wäre, sich einen zu noggern, und blickte dann wie absichtslos zum Zeitschriftenregal, wo er auf dem Titel einer Zeitschrift für ewige Abituri­enten die Zeile las:

Jetzt sofort verlieben!“

Vielleicht, so dachte er weiter und sah, um seine allfällige Wirkung als ent­schlußloser Nichtkunde nicht weiter bekümmert, aus dem Fenster, am Ende doch in Ordnung, in einer Zeit zu leben, in der so gut wie nichts mehr ir­gendwelchen Sanktionen in puncto Mißachtung etwa noch vorhandener Ze­rebralstandards unterfiel. Ob sich Voltaire dafür noch prügeln würde, daß ein Service-Wichsblatt für den Deppennach­wuchs die Freiheit zu solch ab­scheulichem Unsinn behielte? Gab es denn keine Polizei, die wenigstens die schlimmsten Geistesverbrechen ahndete? Das Schlimme war ja, daß es am Ende wirk­lich Neon-Leser gab, die sich an den Befehl hielten: und losmar­schierten, um sich vom nächstbesten Zellklumpen in die Verliebtheit nageln zu lassen. So wie sie ja auch jeden Unsinn kauften, nur weil es in der Zei­tung stand.

Jetzt sofort verlieben, genau, das war es, dachte Kurtchen, schon eher hilflos denn aufgebracht; das war die Freiheit, und sie bestand darin, sich das rest­los gan­ze Leben von derlei stumpf berechnenden Idiotien zu Matsch und Klump krakee­len zu las­sen.

Jetzt sofort verlieben. Hätte ich das bloß vorhin schon gewußt.

Kurtchen war sich nicht sicher, ob er jemals von einem derart fulminanten Rülpser aus seinen Gedan­ken gerissen worden war; falls nicht, passierte es jetzt zum ersten Mal. (wird fortgesetzt)