Prioritäten “Entweder duschen oder Fortnite.” Henry ist 12 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”. Henry wäscht sich nicht gerne. Das hat er noch nie. Wie oft habe ich ihm schon ans Herz gelegt, wenigstens zu testen, ob es etwas für ihn ist, sich nach dem Toilettengang die Hände zu waschen. Keine Chance. Wenigstens zum Duschen konnte ich ihn über Jahre bewegen, indem ich nach jeder Dusche seinem Tipico-Guthaben ein paar Euro hinzufügte. Mir war lange nicht bewusst, wie wertvoll es war, mit dieser kleinen Investition seinen Körpergeruch einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Dann hörte Henry plötzlich auf zu duschen. “Ich habe keine Zeit mehr dafür”, erklärte er. Er müsse jetzt Prioritäten setzen, um in der Schule nicht sitzenzubleiben. “Ich muss mich entscheiden – entweder ich dusche nicht, oder ich spiele kein Fortnite.” Für mich grenzt es an ein Weltwunder, dass Henry sich überhaupt für seine Noten interessiert. Ich bin davon ausgegangen, dass er nach der Schule eh einen kriminellen Karriereweg einschlagen möchte. Aber sicher ist es nicht schlecht, erst mal BWL zu studieren, bevor er ein Enkeltrick-Business startet. Trotzdem stellt mich seine Entscheidung vor ein Dilemma. Ich verstehe, dass Henry Zeit investieren muss, um seine Noten zu verbessern. Immerhin muss er zum ersten Mal Hausaufgaben machen, Vokabeln lernen, Pläne schmieden, wie er seine Lehrer manipuliert. Aber ist Henrys unerträglicher Körpergeruch wirklich der Preis, den wir alle dafür zahlen müssen? Henrys stinkt mittlerweile so sehr, dass alle Pflanzen in seiner Nähe eingehen – sogar das sonst so stabile Basilikum. Das war zu erwarten bei einem pubertären Jugendlichen, bei dem sich ein veränderter Hormonhaushalt und fehlende Hygiene auf Augenhöhe treffen. Als ich ihn neulich in der Küche traf und mir sein beißender Gestank wie eine Abrissbirne entgegenschlug, wurde ich sogar kurz ohnmächtig. Irgendwann traute ich mich, vorsichtig nachzufragen, ob er nicht wenigstens kleinere hygienische Maßnahmen unternehmen wolle. Ich bot an, ihn mit dem Hochdruckreiniger abzuspritzen. “Dann kann ich ja gleich die Schule abbrechen”, sagte er trotzig. Nachdem es auch keinen Unterschied gemacht hatte, heimlich einen Duftbaum in seine ungekämmten Haare einzuflechten, gab ich auf. Ich hatte es versucht. Ich vermute, Henry weiß nicht, dass er stinkt. Er hätte draufkommen können – schließlich trage ich seit kurzem in seiner Nähe eine Atemschutzmaske. Leider war er noch nie besonders schlau. Er wird es spätestens realisieren, wenn er in der Schule gemobbt wird. Ich weiß doch, wie es läuft. Ich hätte Henry auf jeden Fall gemobbt. Ist es meine Aufgabe als Mutter, das zu verhindern? Ich weiß nur, dass ich nicht schuld daran sein möchte, dass mein Sohn sitzenbleibt. Ich möchte meinen Kindern überhaupt keinen Grund geben, später einen Therapeuten aufsuchen zu müssen. Henry hat gelernt, Prioritäten zu setzen. Darauf kann er stolz sein. Wenn er sich sicher ist, dass es für ihn der einzige Weg ist, um besser in der Schule zu werden, muss ich ihm vertrauen. Die Kolumne von Viola Müter erscheint jeden Donnerstag nur bei TITANIC. Beitragsnavigation Marburg-Virus-Verdacht in Hamburg Die neuen Tugendregeln sind da!