Überwachung „Wir machen alle Fehler“ Thorben ist 5 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 13 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre „Mütersöhnchen“. Ich liebe es, die Welt aus der Sicht von Katzen zu entdecken. Manchmal schaue ich ihnen auf YouTube stundenlang dabei zu, wie sie durch die Gegend streifen und dabei Sachen erledigen, die Freigängerkatzen eben so alltäglich erledigen müssen: fressen, kämpfen, kleinen Trickdiebstahl begehen and repeat. Überhaupt möglich, dass ich so in die Katzenwelt eintauchen kann, macht es eine kleine Kamera, die zuvor am Hals des Tieres befestigt wurde. Manchmal bekomme ich durch die Perspektive das Gefühl, selbst eine Katze zu sein. Das gefällt mir. Ich stelle mir vor, dass Judi Dench sich genauso der Rolle des Old Deuteronomy für den Film Cats angenähert hat. Als Jugendliche hätte ich zu gerne gewusst, was mein Kater Heribert so treibt, während ich in der Schule sein musste. Einmal beschuldigte ich ihn, in mein Tagebuch gepisst zu haben. Beweisen konnte ich es aber natürlich nicht. Der Lügendetektor, an den ich Heribert dann anschloss, sprach ihn frei. Im Gegensatz zu meinem Vater, dem ich lange vorwarf, in mein Tagebuch gepisst zu haben. Heute denke ich: Auch Lügendetektoren sind nur Menschen. Wir machen alle Fehler. Ich weiß viel über Thorben. Aber nicht alles. Auch wir sind mehrere Stunden am Tag voneinander getrennt. Auf meine Frage, was Thorben in der Kita getrieben habe, antwortet er meistens: „Ach, nicht viel.“ Ich finde das frustrierend. Mir soll mal jemand eine Mutter entführen und zu mir bringen, die nicht wissen möchte, was ihr Kind in seiner Abwesenheit macht. Es ist daher mein gutes Recht, Kamerawanzen in die Knopfleisten von Thorbens Langarmshirts einzubauen. Ich habe weder die Zeit noch die Unterarme dafür, den ganzen Tag mit meinem Fernglas mit integriertem Bildstabilisator in der Kirschlorbeerhecke vor der Kita zu hocken. Und die Erdflecken bekomme ich seit diesem einen Mal auch nicht aus dem beigen Baumwollmischgewebe meines Trenchcoats. Was so richtig scheint, kann sich falsch anfühlen. Das musste ich auf die harte Tour lernen. Dabei waren die ersten Tage, die ich Thorbens Alltag auf mehreren 50-Zoll-Flatscreens verfolgte, so erfüllend. In dem Material steckte so viel Spannung, so viel pures, echtes Leben – Das Leben der Anderen konnte da einpacken. Doch dann beobachtete ich, wie Thorben die Nutellatoasts, die ich ihm jeden Morgen liebevoll schmiere, gegen Vollkornbrote mit Süßkartoffel-Quinoa-Aufstrich eintauschte. Für die Dubaischokolade nahm er drei schmale Gurkenscheiben entgegen, mit Riffelung, eindeutig vom NicerDicer. Dann aß er das dunkle Brot und das Gemüse, einfach so, ohne zu würgen. Heute verfolge ich lieber wieder Katzen auf YouTube. Sie enttäuschen nicht. Neulich habe ich in einem Video unsere Nachbarschaft wiedererkannt. Deshalb wusste ich, dass die Katze da gerade nicht auf irgendeinen, sondern auf den Blattsalat von Barbara Hansjürgen pisste. Barbaras Tochter geht mit Thorben in die Kita. Tja, lieber Thorben, dann tausch doch deine Chickennuggets gegen drei Salatblätter mit einem Dressing aus Katzenpisse! Beitragsnavigation Fast richtige Schlagzeile (18,36 Euro) BND-Chef warnt vor Russland