Selbstständigkeit »Sorry, kurz Grundbedürfnisse« Henry ist 13 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 6 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre »Mütersöhnchen«. Es wird hektisch, als sich die Familie McCallister auf den Weg in den Urlaub macht. Das liegt daran, dass alle verschlafen haben und sich sehr beeilen müssen, um ihren Flug nach Paris noch zu erwischen. Erst im Flugzeug fällt der Mutter auf, dass die Familie in all dem Trubel das jüngste Kind, den kleinen Kevin nämlich, zu Hause vergessen hat. Ich kenne viele Menschen, die »Kevin – Allein zu Haus« mögen. Meiner Meinung nach offenbart sich darin, wie scheinheilig unsere Gesellschaft ist. Glaubt man nämlich ihren »Gefällt mir«-Angaben auf Facebook, und das tue ich, obwohl ich Atheistin bin, zählt auch Rita Meier-Schwengeler zu den Fans des Films. Rita Meier-Schwengeler ist eine Angestellte des Jugendamts und belästigt mich seit Tagen mit ihren Kontaktversuchen. Zuletzt kommentierte sie »Melden Sie sich unverzüglich« unter einen Pin, den ich für meine »Mediterrane Herbstdeko«-Pinnwand auf Pinterest erstellt habe. Das ist nicht nur respektlos meiner Tischdeko aus Olivenkernen gegenüber, sondern auch heuchlerisch bis zum Gehtnichtmehr. Wenn der achtjährige Kevin sich allein eine gute Zeit macht, ist das also lustig und liebenswert. Bei meinem 13jährigen Henry ist die »unzureichende Beaufsichtigung« plötzlich ein Problem. Dabei unterscheidet sich unsere Situation sogar in einem wichtigen Punkt von der des Kultfilms: Henry ist nicht deshalb nicht mit mir, Thorben und dem Mentalisten Stefan nach Paraguay ausgewandert, weil er vergessen wurde. Im Gegenteil! Wir haben uns bewusst für seine Gesundheit entschieden, als wir ihn haben weiterschlafen lassen. Jedes Kind weiß, dass man Menschen nicht in der Tiefschlafphase wecken soll. Ich habe mal gelesen, dass Kinder selbstständiger werden, indem man ihnen Freiraum gibt und sie eigene Entscheidungen treffen lässt. All das lässt sich bei Henry aktuell beobachten. Und zwar auf seinem Twitch-Kanal, den ich nur gefunden habe, weil er auf einem Blog für Germanische Neue Medizin empfohlen wurde. Ich wusste vorher nicht, dass er gerne 24 Stunden am Tag livestreamt. Es erklärt aber, warum ich ihn teilweise über Wochen hinweg nicht gesehen habe. Henry muss sich sehr eingeengt gefühlt haben, als er noch mit uns zusammengelebt hat. Vielleicht hat er deshalb so selten geduscht, denke ich. »Sorry, kurz Grundbedürfnisse«, sagt er jetzt jedes Mal, bevor er sein Zimmer verlässt und wenige Minuten später zurückkehrt. Meistens mit einer Mahlzeit, die teilweise zu vier Fünfteln aus Hackfleisch besteht, manchmal mit gekämmten Haaren. Und damit nicht genug, sogar um kleine Handwerkertätigkeiten im Haus kümmert er sich. Neulich erzählte er, dass er Gideons Zimmer in eine Sauna umbauen lassen will. Die Wand hat er schon eingerissen. Umso verwunderter bin ich, warum das Jugendamt aktuell so alarmiert ist. Hat Rita Meier-Schwengeler etwas gegen selbstständige Kinder? Wohnen ihre eigenen noch mit über 40 Jahren bei ihr? Ihr Facebook-Account gibt darauf leider keine Antwort. Ich entblocke sie bei Vinted und schicke ihr kommentarlos einen Link zu »Kevin – Allein zu Haus« und Henrys Twitch-Kanal. Beitragsnavigation Wie Trump (trotz Mark Rutte, dem Opfer) Grönland einnahm und uns das doch noch alle rettete Das Lyrik-Eckchen