Der Klitterer

von Georg Diez

 

Haß ist der Honig auf dem Hörnchen unserer Humanität. Süß, klebrig, schwer zu verdauen. Wir müssen lernen, den Haß so zu schlucken, daß er uns bekömmlich wird. Zu Beginn dieses Absatzes ist das wieder besonders deutlich geworden.

 

In Tunesien ist es die Bevölkerung, die den Haß-Diktator Ben Ali mit den eigenen Waffen geschlagen hat. In Deutschland ist es der ein oder andere Sarrazin, der mit Haß-Thesen immer wieder Gegenhaß und somit wichtige Debatten hervorruft. „Das ist Dialektik“, würde Hegel sagen. Oder: „Tritratrullala.“

Das ist nicht von Hegel, sondern ein Ausspruch vom Kasperle, unserer Haßpuppe. In unzählige Kinderherzen hat es den gewalttätigen Groll gegen Hexen, Räuber und Teufel gepflanzt. „Seid ihr alle da?“ So schreit es uns an, in seinem Stück „Das Kasperle ist wieder da!“, das letzten Mittwoch in der Grundschule bei mir um die Ecke Premiere hatte. Es ist mehr als Gerechtigkeitssinn, mehr als gesunder Puppenverstand, der das Kasperle auf das Krokodil einprügeln läßt. „Wo ist das Krokodil?“ ruft es uns immer wieder zu, und macht uns zu Komplizen. Es macht aus seinem Publikum mehr als nur Klatschzombies, die von ihrer eigenen Begeisterung aufgefressen werden. Beim Kasperle wird aufgefressen, wer auffressen will. Das Krokodil zum Beispiel. Kasperles theatraler Gestus führt uns dahin, den Haß in gesunde Bahnen zu lenken. Kasperle sucht Wege aus der Ordnung, die er nur „Polizist“ nennt. Am Ende hat alles seine Ordnung. Alles ist gut.

Haß ist keine Liebe. Aber Liebe und Haß gehören zusammen wie das Kasperle und Gretl, wie Parzival und Brünhilde, wie Ödipus und seine Mutter. Haß ist der Pickel, der von uns Reinheit verlangt. Wer ihn z.B. gegenüber Ausländern, Juden oder Ausländerjuden nicht gelegentlich ausdrückt, wird die häßlichen Störenfriede nie los. Es ist nur wichtig, wie man ihn formuliert. Am besten so, daß man ihn selbst nicht bemerkt.

Das Kasperle ist mehr Psychiater als Pöbler. Es braucht wirkliche Haßliebe, um das herauszufinden.