Rituale »Immer das Gleiche!« Thorben ist 6 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 13 und 17 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre »Mütersöhnchen«. Neulich hat Thorben mich ziemlich überrumpelt. »Ich will nicht!« schrie er, noch bevor ich ihn wie jedes Jahr an seinem Geburtstag morgens mit dem Duft einer frischen Leberkässemmel wecken konnte. »Immer das Gleiche!« Er war sichtlich verärgert. »Ich will dieses Jahr was anderes machen!« Ich wusste bereits, dass Thorben eine impulsive Ader hat. Einmal waren wir mit dem Auto auf dem Weg nach Österreich. Kurz vor der Grenze entschied er, dass er doch lieber Urlaub in Dänemark machen wolle. Mein Ex-Mann kritisierte damals, dass Thorben, wenn er immer seinen Willen bekäme, nicht lerne, Kompromisse einzugehen. Ich denke: Ob Urlaub oder Geburtstag – wenn ich Thorben nicht jedes Jahr aufs Neue die schönste Zeit seines Lebens bieten kann, habe ich als Mutter versagt. Wir sind nicht besonders religiös. Früher glaubten wir mal alle an die heilenden Kräfte von Unheilig. Die Zeiten sind vorbei. Daher ist Thorbens Geburtstag für uns als Familie der wichtigste Feiertag. Ich würde nicht sagen, dass wir ihn ausschweifend feiern. Es gibt jedoch einige Rituale, an denen alle Familienmitglieder teilnehmen müssen. Zum Beispiel gibt es eine Eröffnungszeremonie, bei der jeder Bruder etwas zu Ehren Thorbens aufführt. Das kann alles sein – ein selbstgeschriebenes Lied, ein Gedicht oder eine Performance aus dem Bereich des Contemporary Dance. Henry und Gideon haben sich oft beschwert, dass allein dieser Programmpunkt zu aufwendig sei. »Es gehört halt dazu«, konnte ich nur erwidern. Rituale geben dem Familienleben Struktur. Rituale stiften Gemeinschaft. Rituale geben Sicherheit. Deshalb ist es ebenfalls obligatorisch, dass seine Brüder die Beichte ablegen. Mit dem inhaltlichen Schwerpunkt, inwieweit sie Thorben im vergangenen Jahr Unrecht getan haben. Bei diesem Ritual verstehe ich den Protest am wenigsten, denn Thorben ist sehr nachsichtig. Letztes Jahr hat er Henry sogar verziehen, dass dieser ihn immer Thorsten nennt. Henry kann sich nicht gut Namen merken. Irgendwann im Laufe des Tages begehen Thorben und ich sein Lieblingsritual. Wir gehen dann in der Nachbarschaft von Tür zur Tür und sammeln Geschenke ein. Ich muss zugeben: Das macht mir keinen Spaß. Es tut weh zu sehen, wie geizig viele Menschen sind. Vor allem diejenigen, die erst kürzlich hergezogen sind und höchstens eine Packung »Celebrations« rausgeben, teilweise bereits geöffnet. Mir blieb deshalb oft nichts anderes übrig, als ihre Mülltonnen verschwinden zu lassen. Auch dieses Jahr haben wir als Familie und vor allem ich wieder viel Herzblut in die Planung von Thorbens Geburtstag gesteckt. Und trotzdem kann ich verstehen, dass Thorben die Rituale mittlerweile langweilen. Kinder verändern sich schnell. Und mit ihnen ihre Vorstellungen von einem perfekten Tag. Thorben will keine Sicherheit mehr. Er sehnt sich nach einem Abenteuer: »Ich will in den Amazonas-Regenwald! Und zu den Pyramiden! Und vor allem hier weg!« Ich schmeiße die Leberkässemmel in eine der geklauten Mülltonnen. Es wird Zeit für etwas Neues. Beitragsnavigation Wenig bekannte Fakten zur Erkältungszeit Premiumdenker der Gegenwart