Raves

»Ich widme mich zukünftig der Kunst des Auflegens«

Gideon ist 17 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 13 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre »Mütersöhnchen«.

Gideon schleicht sich immer häufiger nachts aus dem Haus. Er verschwindet gegen Mitternacht und kehrt erst morgens von seinen Ausflügen zurück. Er gibt sich nicht sonderlich viel Mühe, leise aus dem Fenster zu klettern. Wenn ich ihn höre, drehe ich mich meistens auf die andere Seite und beantworte die Frage, ob mich wirklich alles interessieren muss, was Gideon in seiner Freizeit unternimmt, mit einem klaren Nein. Erst als mich seine Deutschlehrerin neulich am Telefon mit der Info belästigte, dass Gideon sich nicht mehr am Unterricht beteilige, fing ich an zu recherchieren.

Gideons Privatnachrichten auf Telegram zufolge geht er nachts auf sogenannte Raves. Raves sind Tanzveranstaltungen, die an besonderen Orten stattfinden, zum Beispiel unter Brücken oder in leerstehenden Butlers-Filialen. Ich glaube, Gideon geht auf Raves, weil er zurzeit nicht so gerne schläft. »Wenn ich die Augen schließe, träume ich von ihr«, sagte er neulich und meinte damit seine Exfreundin Clémentine. Ich habe im Internet gelesen, dass erzwungener Schlafentzug eine Foltermethode ist. Gideon schläft hingegen freiwillig nicht. Ich finde das geschmacklos.

Mir ist bewusst, dass junge Leute gerne die Nacht zum Tag machen. Ich bin nicht von vorgestern. Außerdem tanzen sie gerne. Ich frage mich nur, ob es die anderen Rave-Gäste nicht irritierend finden, wenn Gideon zu Technomusik einen Walzer aufs Parkett legt. Überhaupt kann ich mir nicht vorstellen, dass Gideon ein gern gesehener Gast bei einem Rave ist. Wer beispielsweise raucht, will sich dabei nett übers Dschungelcamp oder über Fußball unterhalten. Gideon hält den Ravern aber einen ellenlangen Vortrag über die Bedeutung des Moors für den Klimawandel, bis sie kalte Zehen bekommen und nach Hause wollen.

Es musste irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem es Gideon nicht mehr reichte, nur einen Rave zu besuchen. Immer muss er selbst kreieren. »Ich widme mich zukünftig der Kunst des Auflegens«, textete er einem Freund. Meine erste Reaktion: Wenn diese Generation gerne zu klassischer Musik tanzt, ist sie tatsächlich verloren. Ich kannte bisher keinen DJ persönlich – wenn man meinen aktuellen Lebenspartner, den Mentalisten Stefan, ausklammert, der mir neulich ein paar selbstgemixte Lieder vorgespielt hat, mit denen er Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen könne.

Ich habe Gideon davor gewarnt, mit seiner aktuellen Freizeitgestaltung seine Zukunft aufs Spiel zu setzen. Es ist ihm egal. Wahrscheinlich, weil er weiß, dass ich damit vor allem meine eigene meine. Wenn Gideon Abitur macht, soll er weit weg, in Südkorea, studieren, so mein Plan. Ich erfuhr über Telegram, wo und wann sein erster Auftritt stattfinden sollte.

Ich wurde neulich gefragt, warum ich Gideon nicht einmal etwas Spaß gönnen könne. Eine Frage, die ich mir noch nie gestellt habe. Auch nicht in dem Moment, in dem ich während seines ersten Auftritts in einer alten Lagerhalle die Polizei rief. Es war höchste Zeit, ins Bett zu gehen.