Abstürze “Nimm den Namen meiner Ex-Freundin nicht in den Mund!!!” Gideon ist 17 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 13 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”. Es war ein ungewohnter, aber wohltuender Anblick: Gideon, der sonst gesittete Weinverkostungen veranstaltet, kam von einer Hausparty und kotzte wie ein normaler Jugendlicher in meine Hortensien. Die Freude war aber leider nur von kurzer Dauer. Als ich später in Gideons Zimmer schaute, lag er benommen auf dem Boden und aß einen großen Laib Trüffelkäse. Eigentlich hat Gideon keine Ahnung von Popkultur. Neulich konnte er nicht mal die Geburtstage aller Mitglieder von *NSYNC aufsagen. Seine Altersgenossen würden dazu wohl “cringe” sagen. Aber wie er da lag mit Käsestückchen und Feigenmarmelade in den Mundwinkeln – da musste ich einfach an das Video denken, in dem David Hasselhoff betrunken einen Burger gegessen hat. Über Wochen habe ich nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Immerhin wäre ein richtiger Absturz nach der Trennung von seiner französischen Freundin Clémentine nur folgerichtig gewesen. Es war nicht nur die David-Hasselhoff-Referenz, die mich umdenken ließ. Sie reihte sich in mehrere Ereignisse ein, die mich Böses vermuten ließen: Gideon erlebte nicht wirklich einen Alkoholabsturz oder überhaupt irgendeine Art von Absturz. Sein Verhalten war Teil einer seiner Performances. Gideon trägt jetzt Vokuhila. Die jungen Leute nennen die Frisur von Rudi Völler “Mullet” und finden sie sexuell attraktiv. Ich kann das nicht nachvollziehen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mit Gideon verwandt bin. Ich verstehe, dass er sich nach einem einschneidenden Ereignis nach einer neuen Frisur sehnt. Als ich zum ersten Mal gemerkt habe, wie gut es sich anfühlt zu lügen, habe ich mir direkt die Spitzen blondieren lassen. Wenn ich Gideon jetzt beobachte, kann ich trotzdem nur noch daran denken, dass auch Britney Spears sich eine neue Frisur geschnitten hat, als sie einen Breakdown hatte. Leider ist das nicht alles. Gideons Erdkundelehrer rief mich kürzlich an. Gideon sei während des Referats eines Mitschülers aufgestanden und habe diesen geohrfeigt. “Nimm den Namen meiner Ex-Freundin nicht in den Mund!!!” soll er zuvor gerufen haben. Gideon hört bei Konzerten heraus, wenn sich der Pianist bei Beethovens Mondscheinsonate im dritten Satz verspielt. Aber nicht, dass es in dem Referat um die Umweltbelastung von Kerosin und nicht von Clémentine ging? Mit etwas Abstand ist es mir fast peinlich, dass mir die Anspielung auf Will Smith bei den Oscars entgangen ist. Immer wieder hat mir Gideon in der Vergangenheit vorgeworfen, ich würde seine Kunst missverstehen oder gar verachten. Ich verachte sie immer noch. Aber jetzt bin ich mir wenigstens sicher, sie richtig zu interpretieren. Deshalb tat ich, was ich für richtig hielt: Ich filmte Gideon. Oder versuchte es. Er schlug mir nämlich mein Handy aus der Hand und warf mir vor, eine Straftat zu begehen. Aber egal. Das Material der Kameras, die ich vor Jahren mal in seinem Zimmer angebracht habe, ist auch recht scharf. Beitragsnavigation Das sind die Inkognito-Namen der Politiker Das Sichtbare noch sichtbarer machen – 100 Jahre Neue Sachlichkeit