“Ich will nie wieder lieben!”

Gideon ist 17 Jahre alt. Seine Mutter Viola Müter schreibt hier im wöchentlichen Wechsel über ihn und ihre anderen zwei Söhne im Alter von 5 und 13 Jahren. Die Mutter nennt sie liebevoll ihre “Mütersöhnchen”.

Gideon ist an Silvester um Mitternacht in Ohnmacht gefallen. Es ist wirklich erstaunlich, dass er es nicht einmal für ein paar Minuten ertragen kann, weniger Aufmerksamkeit zu bekommen als eine 40-Schuss-Feuerwerksbatterie. Passiert ist ihm nichts. Seine Freunde fingen ihn auf und brachten ihn schnell wieder zu Bewusstsein, indem sie ihm ein Glas Crémant ins Gesicht schütteten. “Gidi hat in einer explodierenden Silvesterrakete das Gesicht seiner Ex-Freundin Clémentine gesehen”, klärt mich Gideons bester Freund seit der Grundschule über den Grund der Bewusstlosigkeit auf. Wenn ich mich richtig erinnere, beginnt sein Name mit “Gr”.

Gideon geht nicht besonders souverän mit der Trennung von seiner französischen Freundin um. Das habe ich befürchtet. Als Zayn vor knapp 10 Jahren One Direction verlassen hat, konnte Gideon fast zehn Wochen nicht am Musikunterricht teilnehmen. “Es ist unerträglich”, klagte er damals, “ich brauche Abstand zur Musik.” Heute möchte er von dieser Phase seines Lebens nichts mehr wissen, obwohl sich sein Verhalten nicht besonders geändert hat. Damals küsste er jeden Abend ein Poster von Zayn, bis das Papier an seinen Lippen wellig wurde. Der einzige Unterschied ist heute, dass das Zayn-Poster erotischen Zeichnungen von Clémentine gewichen ist.

Er und Clémentine, sie hätten doch noch so viel vorgehabt. Er hatte ihr extra Deutschunterricht gegeben, damit sie irgendwann zusammen einen Live-Auftritt von “Lanz und Precht” in der Elbphilharmonie sehen könnten, seinem Lieblingspodcast. Und wenn sie es nur bis B1 schaffe, dann wenigstens von “Apokalypse und Filterkaffee”. Jetzt ist alles anders. Das erkenne ich auch an Gideons Neujahrsvorsätzen. “Ich will nie wieder lieben!” lautet der erste. Er fasste ihn, nachdem er beim Wachsgießen Clémentines linkes Ohrläppchen gegossen hatte. Ich halte nicht viel von Neujahrsvorsätzen. Ich muss mir nicht jedes Jahr neu vornehmen, ein besserer Mensch zu sein. Ich bin es einfach.

Gideon hat noch einen zweiten Vorsatz. Er will mit der Kunst aufhören. “Ich habe meine Muse verloren. Was bleibt mir jetzt noch?” Sein Gesicht ist vom Schmerz verzerrt. “Nichts!” entgegne ich. Sollte ich ein schlechtes Gewissen haben? Immerhin habe ich die Trennung herbeigeführt, indem ich von Gideons Handy aus per WhatsApp mit Clémentine Schluss gemacht habe. Ich kenne mich mit der Philosophie aus. Ich weiß daher, dass Fragen wie die nach dem Huhn und dem Ei oder die, ob Harry Styles ein Toupet trägt, schwieriger zu beantworten sind.

Mir hat es gutgetan, mich von meinem Mann zu trennen. Das liegt daran, dass ich mir am Tag unserer Hochzeit etwas geschworen habe. Ja, hatte ich mir damals gesagt, ja, im Fall der Fälle werde ich ihn verlassen, bevor er mich verlässt. Ich bin mir treu geblieben. Das ist, was im Leben zählt. Gideon ist schockiert, als ich ihm den Rat gebe, es bei seiner nächsten Beziehung ähnlich anzugehen. “Dein Schicksal dient mir als warnendes Beispiel.” Er will jetzt doch wieder lieben.