Intime Einblicke in das Innere der TITANIC-Redaktion und ihrer Mitglieder. Heute: Patrick »Patrickant« Volknant mit einem satirischen Abgesang.

Als eines magischen Morgens eine weiße Taube durch das Fenster meiner Berliner Plattenbauwohnung donnerte und, bevor sie verendete, einen Zusagebrief aus Frankwarts am Main auf den Wohnzimmerteppich erbrach, konnte ich mein Glück kaum fassen. Von dem langersehnten Praktikum bei TITANIC erhoffte ich mir den Start einer großen Satirikerkarriere à la Ingo Appelt – aber auch ein bisschen Erholung vom Leben in der rauen, verkommenen Hauptstadt.

Meine Träume zerbrechen, als ich die Türschwelle zur TITANIC-Redaktion zum ersten Mal übertrete. Chronisch unterfinanziert, zugemüllt bis zur Unkenntlichkeit und gezeichnet von Drogenmissbrauch: Sofort bin ich dankbar, dass Orte wie dieser in Berlin wenigstens noch eingezäunt werden, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Nach einigem Suchen entdecke ich Redakteurin Laura Brinkmann unter einem Berg geleerter Maßgläser. Chef Torsten Gaitzsch sei, wie auch der Rest der Redaktion, auf dem Oktoberfest verschollen gegangen und ich könne mir ja schon mal einen freien Platz suchen, lallt mir meine Bezugsperson entgegen. Dann verliert sie wieder das Bewusstsein.

Die kommenden Wochen sind geprägt von Revierkämpfen mit dem zu beachtlicher Größe herangewachsenen Redaktionsmarder und der Suche nach Nahrung, die sich seit des von Gaitzsch verhängten Snackbox-Embargos besonders schwierig gestaltet. Während ich anfangs noch den Kontakt zu den sporadisch auftauchenden Redaktionsmitgliedern suche, lerne ich schnell, sie zu meiden. Wer nicht niveaulose Witze über Gaza reißt, prahlt mit der Veröffentlichung einer eigenen Friedrich-Merz-Biografie oder ergeht sich in endlosen Monologen über die Tradition der Neuen Frankfurter Schule. Zu schicksalhaften Begegnungen mit den TITANIC-Gründungsvätern hat hier jeder eine schmeichelhaft ausgeschmückte Anekdote parat. »Patrick! Habe ich dir schon erzählt, wie mir Robert Gernhardt einmal ins Gesicht gespuckt hat?« zählt noch zu den glaubhafteren.

Während die Kolleg/innen am Konferenztisch darüber diskutieren, ob »diese Internet-Webseite« nicht eigentlich wieder abgeschafft werden könne, gelingt es mir, den ein oder anderen frischen Text ins Blatt zu schleusen. Meine Versuche, die Redaktion grundsätzlich für moderne Komik zu öffnen, scheitern jedoch. Zu mächtig ist der selbstgerechte TITANIC-Zynismus, der selbst vor Größen wie der »Heute Show« (»Die und ihr scheiß Welke«), Marc-Uwe Kling (»Der und sein scheiß Känguru«) oder Moritz Neumeier (»peinliche Mütze«) nicht haltmacht.

Nur widerwillig lasse ich mich am Ende des Praktikums zu einem Besuch des Buchmessestands und des alljährlichen TITANIC-Hauptbesäufnisses überreden. Anschließend steht mein Urteil: Die Frankfurter Print-Satire wird letztlich an ihrer eigenen Überheblichkeit zugrunde gehen. Schön aber, dass ich vorher noch ein paar Freigetränke abgreifen konnte.