Offenbacher Anthologie (28)

 

 

MARIO HODLER
ZETTELSTRAUM 19

 

 

Lieb r Got , nim    hin   
daß         Besond’ es bin.
    gib       ei mal zu,           ,
    ich klüg r          du.
Preis          mein   Namen,
     sons  se zt es      . Am n.

Wann immer die Menschen des ostschweizerischen Engadin über Lyrik reden, nennen sie den Namen Mario Hodler mit jener Melange aus Stolz und Verehrung, wie sie nur Nationaldichtern zuteil wird. Fraglich indes, ob der rätoromanische Autor davon weiß; ein einziges Foto zeigt den weltscheuen Künstler bei seiner Textarbeit, die Markenzeichen ist in doppeltem Sinne. Einmal im Jahr nämlich, nach dem ersten Schnee, schreibt Hodler ein Gedicht seiner Wahl auf Pappe, zerschneidet es in seine Wortteile, umbindet die Stücke mit Filzkordel und verteilt diese „Zeichen“ an den Grenzmarken seines Grundstücks. Nach der Schneeschmelze im Frühjahr sammelt er auf, was Wind und Wetter übrigließen von Pappe, Filz und Wort – und ermöglicht dem Leser so ein unmittelbar sinnliches, sinnhaft erfassendes Begreifen nicht nur der Zeitlichkeit aller Kunst, sondern des Seins schlechthin: „Denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht“, heißt es im „Faust“, dessen Anfangszeilen gleichfalls schon einen Hodlerschen Winter verbrachten: „Hab  nu , a h! Phil so  ie, / Ju ister i  un Me  zin, / Un  leid r auc   Theol gi ! / Du chaus studi  t, mit heiß   B müh .“ Laut weinen möchte man ob all der Vanitas. 
MARTIN MOSEBACH