Offenbacher Anthologie (21)

 

MARTÌN DE FERNANDÈZ
MEIN KLEINER KOLIBRI

 

 

 

Einst kamst Du aus leichten Gefilden
Herunter aufs erdschwere Land,
Um mit meinem Arm, meiner Hand
Ein Dreieck aus Liebe zu bilden.
Du bliebest, als seist du nach Jahren
Am Ziel wie in dauerndem Traum.

Ich pflückte dir Früchte vom Baum.
Ich weiß nicht, wieviele es waren.
Du nahmst sie und zogst deine Schlüsse.
Ich weiß nicht, wie oft du erbrachst,
Und weiß nicht, warum du nie sprachst:
„Ein Kolibri mag keine Nüsse.“

Es hat etwas Verstörendes mit diesem weltberühmten Liebesgedicht, dessen Schönheiten so unbestritten sind wie, und hier betrete ich Neuland, sein Titel fraglich, sein Autor unklar und dessen Angaben zu Entstehungszeit und -ort des Textes irrig, wo nicht kalkuliert falsch. Geboren sei er, schreibt der Brecht- und Pessoa-Preisträger Fernandèz im Vorwort seines von S. Fischer edierten Bandes Lyrics Bolivarian, „1923 in der kärgsten Hochebene Venezuelas, der Gran Sabana“, und Anfang 2005 nach Bochum gezogen, wo ich ihn jüngst besuchte.
Ihn? Der mir stolz das legendäre Foto überreichte, war keine 80, sondern 25 Jahre alt, an seiner Wohnungsklingel stand „Fernandèz, f.k.a. Olli Schöbel“, er war von überraschend weißer Haut und sprach so fließend Westfälisch, daß mir zuerst kaum auffiel, daß er kein Spanisch konnte. Auf der Rückseite des Fotos las ich „2001: Zeltlager 12 b, Sechs-Seenplatte Duisburg“, und bald drängten sich mir auch andere Fragen auf: Woher diese Hautpigmentstörung überm Badehosenrand? Trägt der Dichter denn wahrhaftig eine Indiomütze? Und gibt es überhaupt so schwarze Kolibris? Recherchebedarf, ick hör dir trapsen…

HANS LEYENDECKER