Diese Petra jedenfalls (und Kurtchen sträubte sich gewohnheitsmäßig, das zuzugeben) gefiel ihm; hatte ihm auch schon gefallen, bevor das Porno-Gerücht die Runde gemacht hatte; und weil er aber entschlossen war, abstinent zu leben (so wie ein Alkoholiker weiß, daß ein Tropfen genügt, um alles wieder in die Grütze zu reiten), versuchte er beharrlich, sich in Pubertätstzeiten zurückzubeamen und das, was er damals als gemein und schicksalhaft empfunden hatte, heute als gesund und insgesamt vernünftig zu adoptieren. Er wollte, wie mit 16, sitzen und tatenlos schauen, und wenn’s für eine kleine Phantasie reichte, nichts dagegen. Der Unterschied wäre, daß sein, Kurtchens, Wohlgefallen diesmal souverän und unbedingt interesselos sein müßte, daß er, gewissermaßen mönchisch, absichts- und überzeugungsvoll verzichten wollte. Was, wie er mit einem Weh, das erstaunlich ans vergangen pubertäre gemahnte, feststellte, überdies die Möglichkeit, sich einen 1a Korb zu holen, aufs glücklichste ausschloß. „Ist das nicht diese Petra?“ hörte Kurtchen neben sich und sah simultan zwei Fingerknochen auf die Tischplatte sausen. Er blickte hoch und sah Fred Fröhn, der, halbhoch, hager und schon leidlich grau, ohne die Finger von der Tischplatte zu nehmen zum Tresen sah, wo sich Petra rank und rehhaft installiert hatte. „Hm-hmm“, machte Kurtchen, dem sehr daran gelegen war, das Thema zu wechseln. „Wenn du Bier holen gehst, bringst mir eins mit?“ „Mir auch“, sagte Gernolf und hob sein leeres Glas. „Drei kann ich nicht tragen“, sagte Fred, zog seine schwindsüchtige schwarze Jeansjacke und hing sie über die Lehne des Stuhles neben Gernolf. „Kommt doch bestimmt gleich wer, oder?“ „Bestimmt“, sagte Gernolf mit demselben gedimmten Ton wie vorhin, der die allfälligen Anteile von Sarkasmus und Resignation verbarg. „Ah, Scheiße“, sagte Fred Fröhn unverhofft und streckte seine zehn Finger von der Hand. Sie sahen irgendwie verölt aus. „Ich hab mir eben ein Hollandrad geliehen“, sagte er, wobei er das geliehen so eigentümlich betonte, daß Kurtchen sich nicht sicher war, ob er geklaut meinte, auch wenn das eigentlich überhaupt nicht Freds Art war. Fred sah eigentlich aus, als betrüge er nicht einmal das Finanzamt. „Und kaum bin ich aus dem Haus, fällt mir die Kette von dem Scheißding. Dreigang“, ergänzte Fred, als sei das wichtig. „Keinen Schraubenzieher dabei?“ fragte Kurtchen, rhetorisch. „Und kein Taschentuch. Das Grobe hab ich mir erst mal an die Jacke geschmiert, muß nachher gleich mal Hände waschen.“ „Nachher“, wiederholte Kurtchen und ließ es wie Kopfschütteln klingeln. „Pfff“, machte Fred wegwerfend, und damit war die Sache beigelegt. Eine Weile sagten sie nichts, und Kurtchen hoffte, Fred würde nicht von seinem neuen Buch reden, um dem armen Gernolf nicht in die Verlegenheit zu bringen, von seinen seit Jahren vollgestrickten Romanschubladen erzählen zu müssen. Fred nämlich war so klug (oder so faul, das kam hier aufs selbe raus), das Romanwesen nicht neu erfinden zu wollen, sondern erzählte von Männern und Frauen und warum die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen. Kurtchen, der als Klempner, wie sich denken läßt, eine geradezu natürliche Distanz zu allem übertrieben Avantgardistischen hatte (denn Wasser ist Wasser, Gas ist Gas und Scheiße ist Scheiße, da biß der Rollgabelschlüssel kein Spülknie durch), hatte Gernolf stets verschwiegen, wie sehr ihm das gefiel, auch wenn er Freds aktuellen Romantitel „Paare Mutanten“ für ein Gran zu geschmäcklerisch und auch irgendwie abgeschrieben hielt. (wird fortgesetzt) Beitragsnavigation Endlich Sprachregelung gefunden! Die neuen Doktortitel sind da