Fascholand  

Ein Kurzroman von Christian Krass  

Seit den rechtsextremen Gesängen von Sylt hat sich unser Blick auf die Oberschicht verändert. Hat sie am Ende gar nicht das Beste für alle im Sinn? Unser Autor, selbst aus gutem Hause (Schloss Einstein), unternimmt einen Kurztrip durch Deutschland, um sich mal wieder so richtig abfucken zu lassen.  

Also, es fängt damit an, dass ich bei Pony in Kampen auf Sylt stehe und ein Hasseröder trinke. Das Pony ist so wahnsinnig berühmt, weil die Cocktails auf der Karte dort früher alle nach verschiedenen Nazigrößen benannt waren. Dann hat der Spiegel eine Story darüber gebracht und nach einigem Hin und Her hat man die Cocktails schließlich nach berühmten Rennpferden benannt: Adolf, Hermann, Joseph, Wilhelm, Rudolf usw. Draußen wird laut gesungen, also gehe ich vor die Tür, um nachzusehen, wer da so lustig ist. Und da stehen der M., die E., der C. und ein paar andere und sie singen auf die Melodie von “L’amour Toujours” von Gigi D’agostino “Deutschland den Deutschen, Ausländer raus”. Der M. hält sich zwei Finger wie einen Chaplin-Bart vor die Lippe und deutet mit dem rechten Arm einen Hitlergruß an und sieht dabei unglaublich blöd aus. Mir ist die Situation ein bisschen peinlich, und ich muss an die Geschichte von Wolfgang Borchert denken, in der ein deutscher Maschinengewehrschütze im russischen Schnee steht und Weihnachtslieder singt im Februar, weil es so still ist und der Feind überall sein könnte. Der Borchert hat jetzt ein Restaurant in Berlin und es geht ihm ganz gut, glaube ich. Also, in der Geschichte von ihm heißt es jedenfalls: “Laut sang er, dass er die Angst nicht mehr hörte.” Ich frage mich, ob jetzt alle singen in Deutschland, die vor etwas Angst haben, oder nur die, die mit Cryptotrading und Werbung für Periodenunterwäsche zu ein bisschen Geld gekommen sind, mit dem sie ihr üppiges Erbe aufstocken können. Ich zünde mir eine Zigarette an und denke, es ist Zeit zu gehen, bevor die Ausländer kommen und den Gästen des Pony ihre Ausweise und ihr Nazigold wegnehmen. 
Ich merke, dass ich ziemlich betrunken bin, also lasse ich meinen Triumph stehen und nehme den Mercedes von E., von der ich mir bei der Begrüßung den Schlüssel aus der Handtasche geborgt habe. Dieses SUV-Coupé ist eine riesige Schweinerei, wie es sich nur die allergrößten Nazis für ihre Nazikundschaft ausgedacht haben können, denke ich. Ich fühle mich in dem Auto wie in einer riesigen Styroporverpackung für Militärabzeichen, während ich wie auf Schienen Richtung Westerland gleite, und ich schlafe ein bisschen ein, weil man wegen der brütenden Regenpfeifer auf Sylt nicht schneller als 120 fahren darf. Als ich aufwache, bin ich gegen den einzigen Baum weit und breit gekracht, und ich habe gegen die Windscheibe und auf den Airbag gekotzt und auf mein weißes Sakko von Winsor & Newton. Die Flecken auf dem Sakko lassen sich nicht wieder auswaschen, das sehe ich sofort. Also zünde ich es an und ziehe es dann aus, bevor ich aus dem Wagen steige und zum Flughafen gehe, der zum Glück nicht weit entfernt ist. Ich fühle mich irgendwie verdammt glücklich, wie ich so über die Heide zum Flughafen hinstolpere, und bekomme so ein ganz blödes Grinsen im Gesicht, während hinter mir das Sakko brennt im Auto von E. drin, wo gleich alles lichterloh in Flammen stehen wird. 

Anders als die Nazischweine aus dem Pony brauche ich nicht die Kreditkarte meines Vaters für ein eigenes Flugzeug: Ich entriegele den Tankdeckel des zweimotorigen Diamond von Friedrich Merz mit meiner eigenen Kreditkarte und krieche durch den Spritschlauch ins Cockpit. Vollkommen high von den Kerosindämpfen hebe ich ab und steuere auf Sicht Richtung Hamburg. Leider habe ich nie gelernt zu landen, deshalb setze ich das Flugzeug über Pinneberg in Brand und springe mit dem Fallschirm ab wie weiland Rudolf Heß über Schottland, nur dass mein Fallschirm von Barbour ist und mehr gekostet hat als die ganze Messerschmitt von Heß damals. 

Im Mojo-Club in Hamburg stehen die Agentur-Hipster mit ihren blöden durchsichtigen Brillengestellen verkniffen nebeneinander und trinken Bionade oder Fritz Mate und wiegen sich wie müde Bambushalme im Wind zum Jazzgedudel einer Liveband hin und her. Ab und zu verschwindet einer auf die Toilette, und wenn er wiederkommt, schwanken seine Knie und er gibt seinem Nebenmann eine Spritze weiter. Ich habe mir nie viel aus Heroin gemacht, und die Leute hier wirken, als ginge es ihnen ähnlich und als müssten sich erst noch daran gewöhnen, um den Jazz ertragen zu können. Mir hat mal ein Bekannter erklärt, dass es im Mojo das Heroin tatsächlich zu kaufen gibt, und das Spritzenteilen gehört als Reminiszenz an die 80er auch dazu. Alles ist Fair Trade und nach Demeter-Standard zertifiziert, und man muss einen Aids-Test machen, bevor sie einem die Spritze und das H geben. Irgendwie ist es dann doch nicht dasselbe wie damals, denke ich mir, und bestelle ein Glas Bio-Champagner. Ich nehme einen Schluck und spucke das Zeug sofort auf die Theke. Nicht, weil der Champagner schlecht ist, sondern weil ich die Leute hier so hasse mit ihrem aufgeklärten Faschismus, der sich von dem der Nazis am Ende nur dadurch unterscheidet, dass auch Schwarze und Behinderte mitmachen dürfen, wenn sie Fachkräfte sind und Steuern zahlen, und dass im KZ an der Rampe gegendert wird. 

Das Live-Set ist inzwischen vorbei und ein DJ mit grünen Haaren, pinker Krawatte und tätowierten Arschbacken spielt Jazz-Remixe von alten Hip-Hop-Liedern. Die Gäste scheinen plötzlich wach geworden zu sein, jedenfalls fangen immer mehr von ihnen an über “All Eyez on Me” von Tupac “All eyes on Rafah” zu singen, nach dieser Storyvorlage von der Hamas neulich, die auf Instagram so wahnsinnig oft geteilt wurde.  

Ich zünde mir eine Zigarette an und werde gleich böse angeguckt. Ein unrasierter Mann mit Dutt eilt zu mir hin und erklärt mir aufgeregt, dass ihn selbst das Rauchen ja nicht stören würde, aber seine Frau sei wahrscheinlich schon schwanger, und wenn ich die Zigarette nicht ausmache, muss er leider die Polizei rufen. Ich habe ohnehin genug davon, wie die linken Werberdeppen hier gegen ihren eigenen Bedeutungsverlust angrölen, statt mal eine richtige Revolution gegen Leute wie mich anzuzetteln oder wenigstens so zu tun, als würden sie sich für etwas anderes interessieren als sich selbst. Ich gebe der Thekenfrau noch ein paar Hunderter für ein Gramm Heroin, die daraufhin ganz aus dem Häuschen ist, weil sie anscheinend noch nie so viel Geld auf einmal gesehen hat von ihrer geizigen Spießerkundschaft, und nehme ein Taxi nach München. 

Der Taxifahrer ist ein richtiger Nazi, das sehe ich sofort. Nicht nur an seiner Jeans von Edwin und dem Hemd von Camp David, sondern auch an den SS-Runen auf seinem kahlrasierten Hinterkopf. Zum Glück will er gar nicht reden, sondern dreht gleich die Musik auf. Während Britney Spears aus den Boxen dröhnt, singt der Taxifahrer mit so einer richtig blöden hohen Teenagerstimme jedes Mal über den Refrain “Hitler, baby, one more time”. Wie sich bald herausstellt, ist es das einzige Lied in seiner Playlist. Zum Glück habe ich noch das Heroin bei mir, denke ich, also schnupfe ich davon so viel ich kann auf einmal und wache erst wieder auf, als wir in München vor dem P1 halten. Ich zünde mir eine Zigarette an und sehe zwei Polizisten, die versuchen, einen Ausländer zum Singen zu bringen. Wahrscheinlich hat er versucht, den Faschisten im P1 ihre Ausweise und ihr Nazigold abzunehmen, denke ich, aber das ist eine andere Geschichte, und die erzähle ich ein anderes Mal, denn ich habe mir in die Hose geschissen.                       

Valentin Witt